weltwärts Mpenzi mbongo - Freundin aus Dar es Salaam
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Im Gespräch mit TansanierInnen, sei es auf Reisen, auf der Straße und auf dem Markt oder in der Nachbarschaft, begegnet mir immer wieder die Frage nach meinem Beziehungsstand.

„Warum hast du denn noch nicht geheiratet und keine Kinder, das wird doch langsam Zeit, hast du wenigstens eine Freundin?“

In Tansania dürfen Frauen ab 14 und Männer ab 18 Jahren heiraten. Häufig mündet die erste Beziehung in die, wenn nicht ohnehin arrangierte, Ehe. Es ist für eine tansanische Frau nicht ungewöhnlich, ihre ersten Kinder mit 14 zu bekommen (in meiner überschaubaren Nachbarschaft kenne ich zwei) und auch für einen 19jährigen Mann wie mich sind Kinder nichts Ungewöhnliches.
Ich habe jedoch auch mit TansanierInnen gesprochen, die vor Heirat und Kindern erst Bildung und ein sicheres Einkommen erlangen, selber erwachsen werden oder einfach herausfinden wollen, was das Leben außer der ersten Beziehung noch bietet.

Im Kiswahili heiratet der Mann übrigens grammatikalisch aktiv, „kuoa“. Die Frau wird geheiratet, „kuolewa“. Tatsächlich gibt es jedoch auch die moderne Form des einander Heiratens, „kuoana“.

In Europa also, das ist aber weit weg, warum denn keine Tansanierin, magst du die nicht? Eine Freundin in Europa und eine in Tansania, mit der lernst du dann ruckzuck Kiswahili.“ 

Polygamie ist mir als normal und gesellschaftlich anerkannt begegnet. Dies gilt für beide Geschlechter, jedoch scheint der Schwerpunkt bei den Männern zu liegen. „Nyumba ndogo“ – tansanisches Mätressenwesen beispielsweise bezeichnet die Beziehung wohlhabender Männer mit einer oder mehreren jungen Frauen neben seiner Ehefrau. Kollegen erzählten mir offen von ihrer „unofficial wife“.
Gegner der Polygamie sind besonders die christlichen Kirchen und manche Anti-HIV-Projekte, teils aufgrund religiöser Überzeugung, teils aufgrund ihres Konzeptes zur Bekämpfung von HIV: Enthaltsamkeit > Monogamie und Vertrauen > Kondome.

„mpenzi“: Liebling, LiebespartnerIn
„bongo“:   Bauernschläue, Synonym für Dar es Salaam, Tansania

Seit Ende Dezember letzten Jahres kann ich auf die Frage nach einer Beziehung antworten, dass ich eine „mpenzi mbongo“ habe, eine Freundin in Dar es Salaam.
Glückwünsche und Freude, dass ich mich für Qualität made in Tanzania entschieden habe, waren häufige Reaktionen. Weniger wichtig ist dann, dass Lisa zwar in Dar es Salaam wohnt, aber genauso wie ich aus Deutschland kommt und ihr FÖJ in Tansania leistet.

Liebesbeziehungen sind mir als ein beliebtes und offen angeschnittenes Gesprächsthema begegnet, zu dem sich auch Zeitungen und Zeitschriften äußern (von Tipps, wie das andere Geschlecht besser zu verstehen ist, bis hin zu Überlegungen über Gleichberechtigung in der Polygamie). Sex ist zumindest bei uns in Mwanza kein Tabu, möglicherweise eine Wirkung diverser HIV/Aids-Aufklärungskampagnen.

Das Tabu besteht dagegen im Zeigen gegenseitiger Zuneigung in der Öffentlichkeit. Es ist unüblich, Hand in Hand zu gehen (dies dagegen ist normal unter Freunden und Bekannten, auch Männern – für Touristen mit dem Wissen um das gesetzliche Verbot von Homosexualität ein mitunter verwirrender Anblick), sich zu umarmen, oder gar öffentlich zu küssen. Einige wenige Paare habe ich in Mwanza und Dar es Salaam Arm in Arm gehen sehen, sich Küssende dagegen noch nie. Hand in Hand gehen und sich umarmen zieht auch in eider Millionenstadt wie Dar es Salaam Blicke auf sich. Weitere Reaktionen (unter anderem Fragen, ob wir zusammen seien, verwirrte Kinder oder Glückwünsche) sind jedoch bis jetzt zumindest nicht sichtbar missbilligend gewesen. Gefährlich, wenn sich Kritik an der eigenen Verhaltensweise, wenn überhaupt, nur schwer merklich äußert und man so auf Spekulationen über die Haltung des Umfelds zu einem selbst angewiesen ist.

Lisa und ich versuchen, einen Weg zu gehen, der zwischen Respekt vor fremden Normen zum einen und zum anderen dem Willen liegt, uns unsere Zuneigung auch öffentlich zu zeigen. Durch das behutsame Stören fremder Gewohnheiten und einfache Vermittlung von alternativen Ideen und Verhaltensweisen kommt es zu kulturellem Austausch, der Verständigung ermöglicht.

Als Lisa und ich uns nach zehn gemeinsam verbrachten Tagen im Hafen von Bukoba wieder voneinander verabschiedeten, beobachteten die Hafenarbeiter uns interessiert. Lisa erzählte mir später, das sie noch von ihnen angesprochen worden sei, als ich schon auf dem Schiff verschwunden war.

“So, du hast also deinen Freund hierher begleitet? Wirklich, ihr Weißen führt schöne Beziehungen!”


Anmerkung:

Der obige Text basiert auf meinen Erfahrungen, ich erhebe keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Ich wohne in Mwanza, der zweitgrößten Stadt Tansanias. In ländlichen Gebieten war ich bisher nur für kurze Aufenthalte. Ebenso wie Lebensweisen von Stadt zu Land unterschiedlich sein können, so unterscheiden sich verschiedene Ethnien.

 

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