Nur knapp zwei Wochen nach unserer Ankunft in Mafinga wurden wir bereits von einem Handwerker des Renewable-Energy-Departments, der im Nachbarhaus wohnt, auf seine Hochzeitsfeier eingeladen. Wir hatten zwar auch schon in Dar es Salaam eine Hochzeit miterleben dürfen, aber das war eben eine städtische. Und damals waren wir auch nur beim Vorbeigehen hereingebeten worden und nicht, wie jetzt, persönlich eingeladen.
Genauer gesagt handelte es sich aber nur um eine Hochzeitsfeier, die eigentliche Hochzeit liegt schon mehrere Jahre zurück, wurde aber erst jetzt richtig gefeiert.

Im Gegensatz zu manchen anderen Gästen konnten wir sogar schon freitags anreisen, obwohl die Feier samstags stattfand. Um in das Dorf zu kommen, fuhren wir zunächst rund zwei Stunden mit dem Bus nach Makambako (eine größere Nachbarstadt) und anschließend zu zweit auf einem Fahrrad immer weiter in die Wildnis. Dabei hatten wir hatten das Gefühl, mit jedem Meter, mit dem wir uns von der Hauptstraße entfernten, mehr und mehr in das Landleben einzutauchen. Schließlich tauchten wir etwa 10 km ein, das heißt: Kein Strom und keine Straße, sondern nur Trampelpfade, Erosionsrinnen und Lehmhütten.
Wie in Mafinga war die Landschaft hier sehr trocken und staubig, aber im Gegensatz zu dort gab es nur sehr wenige Bäume. Stattdessen sahen wir immer wieder Bambus und andere Büsche. Ansonsten fielen uns bei unserer abendlichen Ankunft vor allem der kräftige Wind und der wunderbare Sonnenuntergang auf.
Abgesehen von der Natur und der Umgebung wurden wir am ersten Abend zunächst aber vor allem von der Gastfreundschaft überrascht. Wir besuchten mehrere Familien, wurden überall aufs Herzlichste begrüßt und auf Zucker mit Tee (sie würden es vielleicht andersrum sagen J) oder Soda eingeladen. Die Krönung kam aber erst etwas später:
Nachdem wir zunächst gedacht hatten, die Kinder, die mit uns zu unserer Schlafstätte gingen, würden Brennholz tragen, stellten wir eine halbe Stunde später fest, dass da ein Bett für uns aufgebaut wurde. In der ersten Nacht waren wir wirklich so fertig, dass wir beim Licht einer Kerosinlampe selig in diesem Bett davonschlummerten. Am zweiten Abend, in der Hochzeitsnacht, wollten wir das Bett eigentlich den Gastgebern, dem Brautpaar dieser Hochzeit abtreten. Trotz unserer Verhandlungsbemühungen bestanden sie aber darauf, auf einer Bastmatte am Boden zu schlafen.

Am Samstag putzten sich das Brautpaar und die Trauzeugen kräftig heraus, bevor es dann im Taxi, welches als Hochzeitsauto geschmückt war, in die Kirche ging. Nach der Andacht fuhr das Auto zum aus Bambusstangen gebauten Festzelt. Viele Frauen und Kinder des Dorfes tanzten dabei singend und mit lautem Jubel um das Auto. Zusammen mit hunderten Gästen musste das Brautpaar noch ein bisschen vor dem Zelt warten, bis der Zeremonienmeister (Dorfvorsteher?) den Beiden das Zerschneiden des symbolischen Bandes erlaubte. Dann durften endlich alle in das Feierzelt eintreten.
Umgeben von hunderten bunten Tüchern, die die Wände und Decke schmückten, feierten mindestens 200 Menschen rund 5 Stunden. Während der meisten Zeit übergaben verschiedene Gruppen und Familien tanzend Geschenke an das Brautpaar. Trotz ausgelassener Stimmung hielten sie sich dabei sehr genau an den „Timetable“ für die Reihenfolge des Vortanzens und legten auch jeden noch so kurzen Weg exakt im Takt der Musik zurück. Wir durften mit den anderen Gästen aus Mafinga zusammen die Feier als Ehrengäste im vorderen Bereich des Festzelts verbringen und konnten so das gesamte Treiben sehr gut mitverfolgen. Natürlich hatten auch wir an die Geschenke gedacht: Einen „Gutschein“ für einen Generator (Der teuerste Bestandteil eines Windrades) für das Windrad, welches wir zusammen mit dem Bräutigam für das Haus seiner Eltern bauen werden. Dazu noch ein paar „deutsche Kleinigkeiten“ wie einen Apfel (einen solchen hatten sie noch nie in ihrem Leben gesehen!), Schokolade und Stifte für ihre drei Kinder. Leider wussten scheinbar alle außer uns den Zeitpunkt unseres „Auftritts“, sodass wir auch dabei für ein bisschen Verwirrung sorgten. Unter lautem Gejubel konnten wir unsere Geschenke überreichen. (Äpfel schmecken den beiden übrigens sehr ;-) ) .

Später ging die Feier in ein großes Essen über. Es wurden große Eimer voller Reis, Kohl, Bohnen, Hühnchenfleisch und Kartoffeln angeschleppt und unter allen Gästen verteilt.
Auf unsere neugierige Frage an einen Gast, ob die Menschen hier im Dorf auch selbst Musik machen, antwortete er ganz selbstverständlich: 'Na klar!' Auf unser Nachfragen 'Und womit?' kam prompt die Antwort: 'Mit Autobatterien!'. Diese Antwort hatten wir, zumindest hier, nicht erwartet…
Erst danach verlor die Feier etwas ihre Form und es wurde im Halbdunkel nun auch allgemein getanzt. Auf den Moment, in dem auch wir uns von den Stühlen erhoben und anfingen zu tanzen, schienen fast alle gewartet zu haben. Fast augenblicklich bildete sich um uns eine Traube aus jubelnden Kindern, die nun selbst das Tanzen ganz vergaßen. Mangels Platz konnten wir dann auch bald nicht mehr tanzen und wurden stattdessen als Englischlehrer für die Kinder „missbraucht“.

Während die Autobatterien für die Musikanlage langsam leer wurden, man mangels Lampen kaum noch etwas sehen konnte und um uns herum die Abbauarbeiten bereits anfingen, löste sich die Feier allmählich auf.
Bevor wir schlafen gingen, bekamen wir zu Hause bei den Trauzeugen wieder Zucker und Tee. Weil wir durch die bereits beschriebene Schlafsituation und die wunderbare Bewirtung, die in keinem Verhältnis zum sonstigen Lebensstandard stand, ein schlechtes Gewissen hatten, lagen wir danach noch etwas länger wach.
Am nächsten Morgen schenkte uns ein Bauer, den wir zuvor kennen gelernt hatten, eine Tüte Bohnen, und bei der Versteigerung der Sachspenden in der Kirche wurde für uns sogar noch eine Tüte Mais ersteigert.
Beladen mit diesen Geschenken, wunderbaren Erinnerungen und vielen herzlichen „Karibu tena!!“ (gerne wieder willkommen) verließen wir Sonntagmittag das Dorf. Diesmal allerdings in einem Taxi, weil der Bräutigam, der mit uns fuhr, sonst all die Geschenke nicht hätte transportieren können. Dazu zählten nämlich neben Lebensmitteln und Haushaltsgeräten auch zwei lebendige Hühner.
Froh, eine solche Hochzeit und die Lebensumstände in diesem Dorf kennen gelernt zu haben, saßen wir später im Bus zurück nach Mafinga. Dabei überlegten wir, wie wir diese Erfahrungen aus dieser „so anderen“ Welt denn einordnen könnten. Zu Hause angekommen, schliefen wir dann müde und den Kopf voller Gedanken in unseren eigenen Betten schnell ein – ohne Gewissensbisse.