Als mein Vater mich aus Deutschland besuchen kommt, hat er vieles zu bemängeln. Einiges scheint ihm unverständlich und vernachlässigt. So fahren wir durch fruchtbares Land, welches nicht bewirtschaftet ist, und die Straße zur Serengeti ist ein einziges sandiges Holpererlebnis. Lange Fahrten mit einem anhaltenden Durchrütteleffekt - und das auch noch ohne Anschnallgurt - sind für ihn eine Qual. „Dabei führt die Straße doch in ein Haupt-Touristengebiet, es hängen seit Jahrzehnten viele Arbeitsplätze an ihr! Wie kann man sie nur so vernachlässigen?“, fragt er mich. Ich denke an meine Fahrt durchs Land, wo hinter der Hauptstadt in der Mitte Tansanias die gepflasterte Straße aufhörte und unsere Busfahrt sich plötzlich wie eine Wildwasserkanutour anfühlte. Wenn schon die Straße in andere wichtige Städte in Tansania nicht vollständig gepflastert ist, erstaunt mich die Serengeti Straße überhaupt nicht mehr. Die Perspektive meines Vaters, der sieht, was alles fehlt, ist für mich erst einmal neu. Wie kann sich dieses Land nur entwickeln? Warum scheitern afrikanische Staaten mehr als andere an den Herausforderungen einer globalisierten Welt? Oktroyierte Aufbaubedingungen scheinen stärker als irgendwo sonst die Lage zu verschlimmern, dazu interne Makel, die selbst der größte Tansanialiebhaber nicht leugnen kann. Wo bleibt die ökonomische Leistung? Diese Fragen werden mir meistens zuerst gestellt, wenn ich von meinem FÖJ erzähle. Es folgt eine Diskussion über Entwicklungshilfe, Korruption, internationale Institutionen und Vergangenheitsbewältigung. Auch ich hab meine Erfahrungen mit Entwicklungshilfe gemacht und viel mit Freunden über die Probleme Tansanias gesprochen, in der Hoffnung, auf Ideen zu stoßen, wie man sie überwinden könnte. Trotzdem bleiben mir manchmal die Worte im Halse stecken, wenn von mir Antworten auf das Thema erwartet werden. Denn wenn ich an Tansania denke, dann sehe ich nicht Stillstand. Da habe ich Regierungspläne verfolgt und Umstrukturierungen miterlebt, engagierten Schülern bei Bewerbungen geholfen und Projekte sich verwirklichen gesehen. Alles etwas langsamer und zugegebenermaßen nicht in der gleichen Menge, wie es in Deutschland stattfindet. Aber hauptsächlich habe ich nicht diese Sichtweise, da ich hier lebe. Nach der Arbeit sieht man Freunde, man wohnt zusammen, besucht Familien und macht auch mal Unternehmungen. Dabei stößt man auch immer wieder mit Armut zusammen. Aber die zwischenmenschlichen Erfahrungen bestimmen meine Zeit sehr viel mehr. Wenn ich Tansania nun nur nach Entwicklungskriterien beurteilen würde oder auf einer abstrakten Ebene im globalen Interferenzfeld diskutiere, dann bleiben so viele andere, prägende Erfahrungen im Schatten. Ich hoffe also darauf, dass mir nach einer spannenden Entwicklungsdiskussion auch mal die Frage gestellt wird: Was hast du eigentlich mit deinen Freunden gemacht? Oder so ähnlich. |