weltwärts Zwei mal Meru-Kili und zurück
Zwei mal Meru-Kili und zurück Drucken

Oder Kulturunterschiede schwitzend erleben

Sechs Monate, nachdem wir das letzte Mal auf (richtigen) Fahrrädern saßen, überkam meinen Kollegen Markus aus Marangu und mich das Verlangen, wieder einmal eine echte Tour zu machen. Die Strecke war schnell festgelegt: Von dem in den Ausläufern des Mt. Merus gelegenen Arusha zu dem 70km entfernten Sanya Juu, wo wir bei den dortigen Volunteers Lotte und Eva übernachten können.

Auch die Fahrräder waren rasch organisiert – ein Händler von top-hergerichteten uralt-super-Mountainbikes liess sich davon überzeugen, und fuer 4€ pro Tag zwei seiner Bikes zu vermieten.

Am 10.2., um acht Uhr morgens, begann also das Abenteuer mit einer Dallafahrt in die Stadt, zu besagtem Händler. Als wir ankamen, war dieser leider gerade „in Moshi“, wie der Junge vom Kiosk nebenan meinte. Nach einer Stunde Überzeugungsarbeit hatten wir dann aber doch unsere Räder unter dem Hintern, Proviant war eingepackt, und wir waren am Rollen. Zuerst durch fruchtbares, von holländischen Blumenfirmen und Bananenbauern bevölkertes Meru-Land, vorbei an den Stationen einer anderen Episode; dann durch trockene, von Massai und ihren Kuhherden bevölkerte Steppe, vorbei an dem leicht perversen Kilimanjaro International Airport (Hochglanz-Touri-Airport mit allen Schikanen und das in Sichtweite gelegene Dorf Mtakuja hat weder Wasser- noch Stromversorgung, weswegen wir dort prima Solar verkaufen können).

Es wurde mit der Zeit recht heiss, aber für alle Strapazen entschädigte ein traumhafter Ausblick auf Mt. Meru und den schneebedeckten Kilimandscharo. Nach 50km oder dreieinhalb Stunden durch die Hitze, sowie einer zweistündigen, von Selbstmitleid und –bewunderung durchzogener Mittagspause mit sehr sportlerfreundlicher tansanischer Küche , begann der Aufstieg – durch Sonnenblumenfelder und Horden afrikanischer Schulkinder, für die zwei radfahrende Weiße eine Mega-Sensation darstellten.

Als wir gegen fünf in Sanya Juu ankamen, gab es für Markus und mich nur noch den Gang zum Bierladen, dann wurde gefeirt – wir hatten „Halbzeit“ unseres Tansaniaaufenthaltes. Nach einem Pausentag ging es zurück nach Arusha.

Als ich, ausgeruht, zwei Tage später auf dem Heimweg vom Fussballplatz meinem Kumpel Lennardy von unserer Tour erzählte, kam mir die Idee, ihm anzubieten, auch einmal mit mir nach Sanya zu fahren – schließlich muss mal die coolen Sachen nicht immer nur mit Weißen machen. Er, anders als manch ein anderer, immer offen für neues, meinte erst einmal „cool, auf gehts“. Dann blieb er stehen und fragte: „Aber wieso macht man eigentlich so ein Scheiß, wo es doch auch Busse gibt?“. Ich meinte halt, naja, das sei eben eine Herausforderung, man würde noch ein bisschen was sehen und und außerdem sei es eben ein super Training. Diesen Punkt schluckte er als Sport-Freak sofort, und wir einigen uns auf ein Datum.

Am Abend vor der Radtour, als Lennard und ich unsererm Team erklärten, dass wir an den nächsten beiden Tagen nicht zum Training erscheinen würden, kam es zu folgender denkwürdigen Diskussion:

Lenny: „Ich fahr morgen mit dem Rad nach Sanya Juu“
Ajabu: „Hä?“
Lenny: „Du hast schon richtig gehört“
Ajabu: „Das heisst also, du fährst mit dem Rad nach Moshi?“
Lenny: „Genau“
Ajabu: „Du bist doch kein Weißer. Das können doch nur Weiße.“
Lenny: „Ich werds halt mal versuchen“
Ajabu: „So was macht doch kein Afrikaner! Ich kenne keine Afrikaner, die jemals so weit mit dem Rad gefahren ist!“ – usw. usf.

Als wir am nächsten Tag pünktlich um acht auf unseren Rädern saßen, begann ein Abenteuer, das einen ganz anderen Geschmack hatte als das letzte. Von evtl. vorhandenen Bergen und Massaidörfern bekam ich nicht viel mit, weil ich voll und ganz damit beschäftigt war, dem Jungen hinterherzustrampeln, dem ich noch eine halbe Stunde vorher erklären musste, wie eine 21-Gang-Schaltung funktioniert.

Punkt elf waren wir in Boma (Mittagspause) – zum Glück musste ich „dringend“ noch unseren dortigen Solar-Reseller treffen, sonst hätte ich mich wohl um 11:30 sofort wieder auf den Sattel schwingen müssen. Um 13:30, zwei Stunden schneller als das erste Mal, waren wir beiden Helden in Sanya Juu. Und da sagt einer, die Afrikaner machen nur Pause!

Als ich gerade geduscht hatte, grinste mich ein glücklicher Lennardy an: „Jetzt müssen wir aber auch noch meine Schwester besuchen!“ – „Wo wohnt die denn?“ – „In Maguduni, ist ganz nah .“

Also quälten wir uns noch einmal fünf Kilometer den Berg hinauf, bis zu seiner Schwester, die noch einer traditionellen Massai-Rundhüttensiedlung wohnt. Dort wurden wir von einer stammelnd ihrem Erstaunen und Unglauben Ausdruck verleihenden Massai empfangen: „Das gibts doch gar nicht! Mit dem Fahrrad?! Von Arusha? In nur einem Tag? Und dann hat er auch noch einen Weißen zum Freund... Lennardy, Lennardy!“.

Es folgten die üblichen Rituale des Besuchens (Essen, Cola, und ein ewiges Gespräch darüber, wie es anderen Familienmitgliedern geht). Nachdem auch allen Nachbarn mitgeteilt wurde, dass Lennard Moses Mollel mit dem Fahrrad und dem Weißen von Arusha nach Magadini gefahren ist, ging es wieder nach Sanya Juu, wo ich totmüde einschlief.

Zur Rückfahrt ist eigentlich nur zu sagen, dass wir um 12 oder nach vier Stunden die 70 Kilometer zurückgelegt hatten, und es auch bis 11 geschafft hätten, hätten wir nicht allen Kumpeln Lennardys 20km vor Arusha mitteilen müssen dass wir es gepackt hatten, worauf diese mit totalem Unglauben reagierten – wohingegen die afrikanischen Freunde, denen ich von der ersten Tour berichtet hatte, das als total selbstverständlich hinnahmen, schließlich bin ich weiß und kann alles mögliche. Nicht das Lennardy viel fitter ist als ich oder so.

Und während ich mich geistig auf ein Nachmittagsschläfchen vorbereitete, plante ein vor neuem Selbstvertrauen strotzender Lennard, heute doch extrapünktlich trainieren zu gehen, was er Berichten zufolge auch tatsächlich tat.

Das Schlusswort hat Lennards Vater: „Wieso seid ihr denn mit dem Rad gefahren? Hattet ihr kein Geld für den Bus?“ – Amen.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 30. März 2008 um 17:17 Uhr
 

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