Oder warum Entwicklung nicht schwarzweiss sein muss Es ist der 31.12.2006. Ich mache gerade meinen Zivildienst bzw. mein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FOEJ) in Tansania, sitze am Strand von Sansibar und esse Fisch in Kokossosse. Viele Gedanken gehen mir nach fünf Monaten Leben und Arbeiten in Tansania durch den Kopf. Springen wir vier Monate zurück in der Zeit: Mein erster Besuch in Marangu, ein Dorf malerisch am Fuß des Kilimanjaros gelegen. Der GTZ-Praktikant Tobias B., den ich begleite, zeigt mir auf dem Dach des Krankenhauses die kaputtesten Solarwassererhitzer, die ich je gesehen habe: Eine deutsche Spende, die niemand mehr pflegt. Im Krankenhaus rotiert der Stromzähler, als gäbe es kein morgen mehr. Doch statt über Effizienz (und Reparaturen) nachzudenken, hat das Krankenhaus Tobias angeheuert, damit er eine Vormachbarkeitsstudie für den Bau eines Kleinwasserkraftwerkes schreibt. Dieses könnte man, anders als Stromrechnungen, von Spenden finanzieren. Etwas verwirrt verlasse ich das Dorf, und die Kinder rufen mir den einzigen englischen Satz, den sie perfekt beherrschen, hinterher: „Give me my money!“
Wieder zwei Monate nach vorne: Die Stromkrise Tansanias hat ihren Höhepunkt erreicht, und bei Taschenlampenschein werfe ich einen Blick in die Zeitung. Stolz lässt Präsident Kikwete einen großen Erfolg bei der Bekämpfung der ständigen Stromausfälle verkünden: Er hat es geschafft, mehrere Millionen US-Dollar von verschiedenen westlichen „Freunden Tansanias“ einzutreiben. Eine Strategie zur nachhaltigen Lösung des Problems ist nicht erkennbar. Ich denke, es ist nicht nötig, weitere Beispiele anzuführen: Diese sollten deutlich genug zeigen, dass Spenden, die wir Europäer im Willen zu helfen nach Afrika schicken, oft Entwicklung eher verhindern anstatt sie zu fördern. Der Weiße gibt, der Schwarze ist ein Empfänger, und die Mentalität findet sich auf allen Ebenen, vom Schulkind über NGOs und Kirche bis hin zur Regierung. Auch verhindern Spendengelder oft Initiative oder ersticken diese gar; Ich kenne tansanische vormals kleine, initiative NGOs, die durch pervers hohe Spenden die falschen Leute angezogen haben, Leute, die jetzt vor allem nach dem Benefit suchen. Oft habe ich den Eindruck, wir versuchen, den Afrikanern eine Entwicklung aufzuzwingen, die sie gar nicht wollen und für die sie nicht bereit sind. Dann denke ich: Lasst uns alle verschwinden! Wir Weißen haben in Afrika doch nichts verloren. Gebt den erwachsenen und stolzen Tansaniern doch endlich eine Chance, ihren eigenen Weg zu suchen ohne die großen und kleinen Lehrer und Helfer aus dem Westen, die sich seit 150 Jahren immer und auf verschiedene Arten und Weisen in alles eingemischt haben. Doch springen wir wieder, in mein „Heimatdorf“ Arusha-Baraa, wo ich mit meinem Freund Lennard über seine Zukunft rede. All zu gerne würde er das Lehmhütten-und-Subsistenzbauern-Dasein seiner Eltern verlassen, eine bessere Bildung und eine schönere, modernere Arbeit bekommen. Doch wie soll das gehen, ohne Geld? Ich tue, was ich kann, um, in diesem Fall, einem Freund, und nicht einem „armen Afrikaner“, zu helfen: Mein Mit-FOEJler Tobias V. und ich haben Lennard beigebracht, energiesparende Lehmöfen zu bauen, und vermarkten dieselbigen zusammen mit ihm. Sollte er wirklich den Ehrgeiz haben, kann er in einem Jahr das Geld, das er seiner Meinung nach braucht, ansparen. Auf der Arbeit, bei dem GTZ-Projekt „Promotion of Renewable Energy in Tanzania“, machen wir und unsere Chefs den ganzen Tag im Prinzip das gleiche: Tansaniern, die die nötige Initiative zeigen, zu Lehmofenbauern, Solarhandwerkern und –Händlern ausbilden und einen Markt für erneuerbare Energien ankurbeln. Dabei bekommt niemand Geld (höchstens Kredite für Händler), allerdings können Dörfler, die dafür bereit sind, durch eigene Anstrengung ein echtes Einkommen bekommen (und nebenbei können die Leute, die bereit zu Investitionen sind, Dreisteinfeuer, Öllampe und Batterieradios ersetzen, was auch zu Einsparungen und weniger Gesundheitsproblemen führt). Da macht Entwicklungszusammenarbeit auf einmal Spaß, weil Leute Chancen bekommen, nicht aber Geschenke. (Interessant ist, dass unser Projekt politisch einige Probleme hat, weil die allmächtige und am Projekt beteiligte Kirche [diplomatisch verschlüsselt] meint, wir sollten endlich mit Geld und eben Geschenken rausrücken).
Als Fazit meiner bisherigen Erfahrungen mit Entwicklungszusammenarbeit und –Hilfe würde ich sagen, dass es unbedingt nötig ist, damit aufzuhören, eigene Ideen in Afrika verwirklichen und damit „helfen“ zu wollen. Stattdessen müssen wir uns die Zeit nehmen, uns mit den Afrikanern auszutauschen, und auf einer Ebene (nicht Geber-Empfänger, Lehrer-Lernender, Helfer-Geholfener) nach Wegen für die Zukunft zu suchen. Dann können auch beide Seiten vom Wissen der anderen profitieren. Was auf keinen Fall weitergehen darf, ist, Geld als reine Geschenke fließen zu lassen – denn dann können sich die Afrikaner nie revanchieren, alle „Zusammenarbeit“ und „Partnerschaft“ bleibt Rhetorik und ganz Afrika bleibt in einer Empfängermentalität gefangen. |