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Allen frommen Muslimen werden bestimmt Rituale abverlangt. Dazu gehört auch das Fasten. Im islamischen Mondkalender ist Ramdahan, der neunte Monat, der heiligste Monat. Während dieser Zeit ist von 4 Uhr Morgens bis ca 18:30 auf Essen, Trinken, Rauchen, Gewalt und sexuelle Beziehungen zu verzichten. Dieser Verzicht ist die Voraussetzung dafür auch den Gedanken daran, wie Hunger und Durst zu entsagen. Dadurch, durch viel Koran lesen und fünfmal täglich Beten sollen die Menschen zu neuen Erkenntnissen kommen, und vor allem sollen sie Mitgefühl erlernen mit denen, die weniger Glück haben als man selbst. Denn viele Menschen müssen nicht nur ohne Nahrung und Wasser auskommen, sondern auch ihren Zorn und ihr Verlangen verbergen, denn sie sind stets auf die Gnade anderer angewiesen.

ramadan1.jpgSomit erklärt sich auch weshalb Ramadan von vielen Menschen als Gesundheitsschädigend erklärt wird. Die Muslime Fasten nicht ihrer Gesundheit wegen, sondern um zu erfahren wie es sich lebt wenn der Körper keine Kraft hat.

So kam es also das ich eines Nachts von einer unglaublich nervigen Sirene geweckt noch ohne böse Vorahnung aufwachte. Denn als ich schlafen ging war kein Mond zu sehen, was ich nicht wusste war das diese Sirene bedeutet das in dieser Nacht nun doch Ramadan beginnt, also am nächsten Morgen nicht gegessen werden wird. Denn ca. 30 Minuten nachdem ich zu Bett gegangen war ging am Horizont der Neumond auf. Am folgenden Morgen begannen wir also zu fasten...

Erstaunlicherweise hatte ich fast nie wirklich Hunger. Und auch vielmehr als das Bedürfnis etwas zu trinken ist es die behindernde Schwachheit die einen gegen Nachmittag dem ufutari entgegensehnen lässt. Nachdem der Muezzin gegen 18:20 wieder zu hören ist darf man nämlich wieder essen. Auf dem Weg zum ufutari werden die Beine plötzlich auch wieder überraschend schnell.
Zwischen den Häusern saßen wir dann gemeinsam mit 6-8 Frauen aus der Nachbarschaft auf der mkeka, einer großen, geflochtenen Sitzdecke. Wir alle aßen von denselben Schüsseln und Tellern, wir alle aßen mit den Händen und es schmeckte unglaublich gut. Tatsächlich ist mir beim ufutari zum ersten Mal aufgefallen das wir Frauen nicht mit den Männern zusammen essen, was hier ja zum kulturellen Standard gehört.
Da man tagsüber nichts gegessen hat wurde zum ufutuari meist auf den alltäglichen Reis verzichtet. Stattdessen gab es ndizi (Kochbananen ), viazi ( Süßkartoffeln), mohogo ( Cassava), njugumawe (Kichererbsen), baasi (Bohnen), maharagwe (Linsen) tambi (Nudeln), vipopoo, tende (Datteln),...

ramadan2.jpgNeben dem leckeren Essen war das anschließende gemeinsame Zusammensitzen stets eine Freude. Wer satt war stand von der mkeka auf und setzte sich auf eine der Bänke vor den Hauessern. Da saß man dann, und konnte dösen, sich unterhalten oder mit den Kindern spielen. Letzteres war mir meist die liebste Beschäftigung denn da alle Frauen gemeinsam gegessen hatten spielten stets zwischen fünf und 15 Kinder auf der Strasse. Sie tanzten, sangen und wir brachten uns gegenseitig Klatschspiele und die neuesten Fingergriffe oder Grimassen bei (Ich kann jetzt sogar den Affen machen).

Wer nach dem ufutari durchs Dorf spazierte hatte mit Sicherheit den gengeni zum Ziel. Zwischen dem Dunkel der Häuser tummelten sich 100- 150 Menschen auf und um einen kleinen, schummrig ausgeleuchteten Marktplatz. Dort herrschte eine wunderbar lebendige Atmosphäre: Frauen, Jugendliche und Kinder boten die verschiedensten Esswaren, wie deftige und süße Brote, Suppen, Snacks, Milch, Säfte und natürlich Fisch und Octopus, an.
Zwar gibt es an diesem Platz ganzjährig einen abendlichen Lebensmittelmarkt, aber gerade zu Ramadan ist dieser besonders stark besucht gewesen. Denn neben den noch immer Hungrigen, kauften viele ihr daku auf dem gengeni. Wer nicht vorbeischaute um zu essen, oder Essen zu kaufen, setzte sich mit Freunden und Bekannten zusammen. Denn nach einem ausgiebigen ufutari bot sich hier die Gelegenheit eine Verdauungspause einzulegen und mit neu gewonnener Energie Neuigkeiten auszutauschen und soziale Kontakte zu pflegen.

Wie wir es selbst mitbekommen haben ändert sich der gesamte Tagesablauf während Ramadan. Das ist auch notwendig um das Fasten zu erleichtern. Denn nachdem man das ufutari zu sich genommen hat ist es üblich zwischen 1 und 4 Uhr morgens ein weiteres, und auch letztes Mal zu essen. Diese Mahlzeit nennt sich daku. Und anders als beim ufutari ist es nicht nötig, dass die Familie gemeinsam ist. Wann daku gegessen wird, und ob man zwischen ufutari und daku schlafen geht kann jeder für sich selbst bestimmen.
Für diejenigen, die sich für Schlafen oder Dösen entscheiden gibt es einen Aufwecktrupp. Auf den sollte man sich aber nicht verlassen da er jede Nacht die Laufroute leicht variiert und dann eventuell nicht gehört wird. Dieser Trupp besteht hauptsächlich aus Jungs und jungen Männern die gegen 12 Uhr gemeinsam, mit provisorischen Trommeln und Rasseln bewappnet für ca. Zwei Stunden durchs Dorf ziehen, hier und dort vor einem Haus anhalten und gemeinsam singend die Leute wecken. Wir selbst sind jede einmal mitgelaufen, und abgesehen davon das ich unglaublich müde war es ein Heidenspaß nachts zum Aufwecken anderer zu tanzen und den anderen beim doch etwas schelmischen singen und Musizieren zuzuhören.

ramadan3.jpgWie sich im Nachhinein herausstellte ist die optimale Zeit für das daku tatsächlich 1 Uhr morgens, denn wer später isst wacht am Morgen mit einem unangenehmen Föllegefühl auf. Was jedoch das optimale Essen für’s daku ist habe ich nicht herausfinden können. Viele Familien essen richtige Mahlzeiten. Bei uns gab es meist Chapati und jede Menge Obst.
Obwohl man den Tag über nichts gegessen hatte waren es doch keine Essorgien die stattfanden. Der Magen hatte sich ja den Tag über schon zusammengezogen sodass man gar nicht in der Lage war übermäßig viel zu essen. Trotzdem ist es sehr zehrend einen Monat lang nur nachts zu essen. Man kommt stets spät ins Bett, muss früh morgens noch einmal aufstehen um zu essen und dann behindert der volle Magen auch noch einen entspannten Schlaf.

Wie lebt es sich nun wenn der Körper keine Kraft hat? Im Endeffekt kann ich sagen dass ich, auch ohne tägliches Beten und Koranlesen zu einigen Erkenntnissen gekommen bin.
Abgesehen davon das der Körper anfällig für diverse Leiden wird sind wir unglaublich langsam geworden. Träge ist gar kein Ausdruck. Und womit wir nicht gerechnet haben war das selbst das Denken sich bemerklich verlangsamt, einfache Arbeiten wie das Abtippen von Texten am Computer zu unglaublich schwierigen und langwierigen Prozessen werden lässt. Die kleine Schwester Müdigkeit zerrt ständig am Rockzipfel und wann immer es geht wird gedöst. Wenn es ganz schlimm ist sitzt man total passiv da und versucht wenigsten das aufzunehmen was um einen herum passiert.
Wie also soll jemand der kein Essen hat, krank ist und nicht vernünftig denken kann endlich mal den von uns gewünschten Elan an den tag legen um ein besseres Leben zu ergattern? Erstmal muss man es ja schaffen das was man täglich hat hinzubekommen. Da ich nicht in der Lage war zu arbeiten wenn ich nicht zumindest Wasser trinke bin ich heimlich in Ecken verschwunden, hab meine kleine Wasserflasche gezückt und getrunken. Drei Tage lang habe ich sogar offiziell nicht gefastet da es mir nicht gut ging. Das jedoch war nicht nur höchst interessant sondern vor allem amüsant.

Plötzlich war ich eine Schildkröte ( kobe). Schildkröten, das sind neben den bepanzerten, ständig mit Essen beschäftigten Tierchen auch diejenigen Menschen die zu Ramadan nicht fasten. Und tatsächlich kam ich mir ein bisschen so vor als ich mit ein paar Freunden hinter gut verschlossenen Türen, geduckt im Hof saß und ganz leise Fischsuppe gelöffelt habe ständig mit dem Gedanken es könnte jemand hereinkommen und uns „erwischen“.
Da ich jedoch eine offizielle Fastenpause eingelegt hatte erhielt ich plötzlich einen Überblick darüber wer nun wirklich fastet und wer nicht oder nur halb. So waren es doch erstaunlich viele der Beach Boys die ihrer Arbeit oder Nikotinzuneigung wegen die Regeln des Fastens nicht so sehr ernst nahmen. Und letztendlich muss ich zugeben das ich mich nach meinem siebenundzwanzig talgigen und somit unvollständigem ersten mal Fasten allein über die Tatsache wieder zu mir gewohnten Zeiten zu Essen und zu schlafen unglaublich gefreut habe. Aber mit dem Ende der 30 Tage kehrte noch lange kein Alltag in Kizimkazi ein.

ramadan4.jpgDie meisten Zanzibaren beenden das Fasten wenn nach 30/31 Tagen der Neumond wieder zu sehen ist. Der erste fastenfreie Morgen wird mit gemeinsamem Teetrinken begonnen. Bereits gegen Mittag des Vortages fangen die Frauen an alles für das Frühstück zuzubereiten: süße Brote, Kekse, Kuchen und anderes wird bis in die Nacht hinein gebacken. Somit erklärt sich auch weshalb einige das id al-fitr auch Zuckerfest nennen. Id al-fitr, das viertägige Fest es Fastenbrechens wird von den Zanzibaren Muslimen groß gefeiert.
Der perfekte Anlass sich neu einzukleiden, denn viele Kinder und Erwachsene bekommen nur einmal jährlich neue Kleidung. An den Feiertagen nach Ramadan wird also nicht nur alles aufgeräumt und sauber geschruppt: auch die Menschen putzen sich raus. Sie tragen ihre neuen Kleider, die Männer schneiden sich ihre sowieso kurzen Haare noch einmal so richtig kurz, die Frauen flechten ihre und schmücken sich mit Henna.
Am ersten Tag nach Fastenende, em siku kuu gibt es neben dem ausgiebigen Frühstück ein reiches Mittagsmahl zu welchem viele Familien Pilau, den auf Zanzibar sehr beliebten Gewürzreis, essen. Später beginnt in der Stadt die auf fünf Festplätze verteilte Feier. Zu dieser werden schon den ganzen Tag über Zanzibaren aus allen Ecken der Insel gefahren. Die lokalen Busse sind prallvoll und Straßensperrungen gehören an diesen Abenden selbstverständlich zum Stadtbild.
Für die Kinder gibt es zwei große Rummel. Einen davon, den kariya kuu, haben wir besucht. Es war ca. 19:00, aber bereits dunkel, überall saßen Menschen auf dem Boden um sich auszuruhen. Da wo niemand saß schoben sich die Kinder mit ihren Eltern an Spielzeug- und Essensständen vorbei. Von den diversen Karussells stand zwar ein Viertel still und weitere 50 % haben ihren Dienst eher schlecht als recht getan aber das ein Flugzeug nicht fliegt hindert natürlich kein Kind daran einen Heidenspaß zu haben. Und so habe ich in Deutschland wo die Karussells größer, schöner und schneller sind nicht einmal so viele strahlende Kinder auf einmal gesehen.
Neben den zwei Festplätzen für Kinder gibt es drei weitere für Erwachsene. Diese sind genau so überlaufen und von Essbarem, Glücksspielen und Disco geprägt.
Wenn der erste siku kuu durchlebt ist werden die folgenden drei Tage etwas ruhiger angegangen. Das gute Essen ist nicht mehr so reichlich vorhanden, aber man feiert weiter. Das erklärt sich unter anderem dadurch dass viele Muslime noch einmal sechs Tage fasten. Si verabschieden damit den Ramadan. Das geschieht jedoch freiwillig. Und diejenigen die zu Ramadan, aus welchem Grund auch immer, das Fasten gebrochen haben sind nun aufgefordert den sechs Tagen noch einmal die Anzahl an Tagen fasten die sie ausgesetzt haben. Das wird jedoch nur von einigen praktiziert. Ist das Sechs-Tage-Fasten vorüber gibt es erneut einen siku kuu in Kizimkazi. Für das Viertägige Fest, welches wieder durch ein gemeinsames, ausgiebiges Frühstück eingeleitet wird, kommen Menschen von überall auf der Insel und auch vom Festland ins Dorf.
Welch ein Glück das wir in Kizimkazi wohnen. Schon zwei Tage zuvor reisen die ersten Gäste an, beginnen die ersten Budenbesitzer ihre Stände aufzubauen. Und in den Folgetagen findet dasselbe Spektakel wie in der Stadt noch einmal im Dorf statt. Bis auf das Fehlen der Karussells hat alles übereingestimmt: unglaublich viele Leute kamen mit den lokalen Bussen und vielen extra Bussen angefahren, es gab an der ganzen Feststrasse entlang Stände mit Spielzeug, Essen, Kleidung, Krams und Glücksspiele. Und Highlight für die meisten war wieder die Disco, von denen man sogar 3 zur Auswahl hatte.

So bleibt mir der Fastenmonat Ramadan ganz unerwartet als eine kulinarische Expedition Sansibars, höchst kontrastreich und eindrucksvoll in Erinnerung. Viele haben mich schon gefragt ob ich nächstes Jahr in Deutschland wieder fasten werde. Ich weiß es nicht. Aber selbst wenn nicht werde ich doch an diesen einen Monat denken, daran wie sehr er mir geholfen hat bessere Verbindungen zu den Menschen hier aufzubauen und einen tieferen Einblick in ihr Leben, ihre Kultur und vor allem ihre Religion zu bekommen.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 30. März 2008 um 17:09 Uhr
 

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