weltwärts (Alltags-)Leben in einer tansanischen Familie
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(Alltags-)Leben in einer tansanischen Familie Drucken

Tobias und ich haben das Glück, in Arusha (bzw. In Baraa, einem Dorf an der Stadtgrenze) in einer typisch tansanischen Familie untergebracht sein. Und so unterscheidet sich unser „Maisha mapya“ ganz schoen von unserem „alten Leben“.

Zuerst geht es jeden Tag ziemlich früh los. Heute z.B. habe ich mir das Recht herausgenommen, bis halb acht zu schlafen, woraufhin meine Gastmutter meinte, ich habe aber ganz schön verpennt. Es ist eigentlich auch recht sinnvoll, hier so zeitig aufzustehen, schliesslich scheint die Sonne immer bis exakt bis 18:45 Uhr, und die Stromversorgung ist recht unzuverlässig. Oft kommt dann auch morgens schon der erste Besuch – Familienleben schliesst hier einen grossen Bekannten- und Verwandtenkreis ein. Den Tag verbringt die Familie getrennt – die Kinder Linda (8) und Nelson (16) gehen in die Schule, Mama Linda verbringt den Tag zusammen mit dem sechzehnjährigen, eigentlich dauerhaft bei uns wohnenden housegirl (Nein, wir sind nicht reich – es ist hier ueblich, eine Haushaltshilfe einzustellen, sobald man es sich leisten kann, so kann man gleich noch ärmeren Bekannten unter die Arme greifen) und evtl. ein paar Freundinnen bei der Hausarbeit (wobei ihnen bestimmt nicht langweilig wird, da hier alles Handarbeit ist), während unser Gastvater Jaffet und wir beide zur Arbeit fahren.

Das eigentliche Familienleben findet abends statt. Was mir am ersten Tag schockierend vorkam, ist dass die Familie nicht zusammen, sondern quasi in Schichten, isst – doch der Grund liegt nicht etwa darin, dass man sich aus dem Weg geht, sondern dass dem Essen einfach keine so zentrale Rolle zukommt wie in einer deutschen Familie, wo es im Zweifelsfall der einzige Zeitpunkt ist, zu dem sich die ganze Familie sieht. Hier wird so wie so der ganze Abend gemeinsam verbracht. Zum Abschluss des Abends wird gesungen und gebetet – die meisten Menschen hier sind sehr gläubig, Gott und Gemeinschaft kommt ihnen wahrscheinlich als das einzige vor, was eine postive Abwechslung aus dem harten und oft eintönige Alltagsleben bietet.

Die groessere Familie, inklusiver aller Onkel, Tanten, Neffen, Nichten, sieht man zwar nicht jeden Tag, aber sie funktioniert hier als das Sozialsystem, und das ohne irgendwelche Bürokratie – so waren wir letztlich Jaffets uralte mama mkubwa (grosse Schwester der Mutter) besuchen, die noch ganz einfach, in einer dunklen, verrauchten, zweiräumigen Lehmhütte wohnt, um ihr Vorräte zu bringen – ihr fast blinder Mann erkannte gerade so, dass ich weiss bin, und tastete mir vor lauter Freude ueber meinen Besuch das komplette Gesicht ab, waehrend er in einer unverständlichen Mischung aus kimassai und kiswahili auf mich einredete. Wird ein Familienmitglied krank, schultert die Grossfamilie die Kosten.

Besondere Freude bringt mir der Umgang mit meinen Gastgeschwistern. Beide (ein drittes ist im Internat) sind aufgeweckt und intelligent, auch investiert ihr Vater wenn ueberhaupt in etwas, dann in ihre Bildung. Trotzdem haben sie noch nie ein Buch ausserhalb der Schule gelesen und selten die Möglichkeit Fragen zu stellen oder Spiele zu spielen. Als ich zusammen mit Linda Mensch ärgere dich nicht gebastelt hatte, und den Kindern Maomao und Schwarzer Peter beigebracht hatte, gab es kein Halten mehr, und es wurde stundenlang gespielt und gelacht, bis zumindest Mensch ärgere dich nicht eines Tages weggeschlossen wurde, weil es Mama Linda zu viel wurde. Auch bietet es mir eine unglaubliche Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, wenn ich z.B. meine Wissenschaftszeitung Scientific American lese und mich Linda bei einem Bild von der Erde aus dem Weltall auf einmal fragt, was das eigentlich sei, woraufhin ich versuche, so gut es eben geht, auf Swahili und dem Niveau einer achtjährigen über, wie Douglas Adam sagen würde, von „Dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ zu erzählen.

 

 

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