Nachdem wir bei unserem ersten Besuch der Insel Tumbatu festgestellt hatten, wir groß das Interesse für Solarenergie war, wie gering jedoch die Kenntnisse über dieselbige bei den Bewohnern waren, beschlossen wir, hier unsere erste Village Presentation durchzuführen. Schwer beladen mit einem kleinen 14-Watt-Pannel, Stellwänden und einem Haufen Infomaterial kamen wir, also Lehrer Ramadhan, der Solarexperte von Sansibar Mtumweni und ich, nach einer schönen Segelfahrt in Tumbatu an. Noch heiße Chapati, leckerer Fisch und tansanisch gesüßter Chai wurden uns zum Frühstück serviert. Und dann kam schon die erste Überraschung auf mich zu. Da ein Dorfbewohner gestorben war und an diesem Tag die Beerdigung stattfand, wurde ich darum gebeten, so wie die anderen Frauen auch, einen Kanga zu tragen (traditionelle Kleidung, die aus zwei bunten Tüchern besteht, wobei das eine als Rock getragen und das andere als Kopfbedeckung genutzt wird). Ich muss ein amüsantes Bild von mir gegeben haben, als ich dann, als Frau und einzige Weiße mit Kanga gekleidet und mit Pannel und Werkzeugkasten unterm Arm und einer Truppe von schreienden Kindern stets an den Fersen, durch das Dorf lief. Auf jeden Fall hatte ich die Lacher auf meiner Seite. Am Abend habe ich dann gehört, dass die watu wakubwa, die Autoritätspersonen des Dorfes, sich bedankt und gefreut haben, dass ich einen Kanga trug und ihr Respekt für mich deutlich gestiegen ist. Da hat sich die kurze Umgewöhnung dann ja doch gelohnt. In der erbarmungslos auf uns niederknallenden Mittagsssonne bauten wir dann auf roter Erde im Zentrum des Dorfes unser Pannel und die Stellwand auf. Und da stellte ich fest, dass mein Arbeitsplatz ein nicht ganz einfacher ist: für mich als einzige Frau in einem technisch- handwerklichen Bereich in einer grossen Gruppe von Männern, dann noch weiß und dann auch noch in einer muslimischen Gesellschaft, war es wohl nicht vorgesehen, dass ich genauso mitanpacken, schleppen und schwitzen würde, wie die anderen. Was auch immer ich in Angriff nahm, eine Schraube festziehen, das Pannel installieren, einen Knoten öffnen oder vergessenes Werkzeug holen, stets kam mir jemand zur Seite und nahm mir hilfsbereit die Arbeit ab. Denken die denn ich bin vollkommen unfähig? trauen mir die denn gar nichts zu? ich bin doch nicht doof!, dachte ich und setzte mich tapfer zur Wehr... es dauerte eine Weile, bis ich erkannte, dass diese mir zunächst übertrieben erscheinende Hilfsbereitschaft nicht Ausdruck von fehlendem Zutrauen und Entmündigung ist, sondern vielmehr ein Zeichen der Wertschätzung und des Respekts für mich als Frau. Bei der Village Presentation am Nachmittag waren dann mehr als 350 Männer anwesend. Anders als bei unserer gemeinsamen Village Presentation in Dar es Salaam, kamen wir nicht zu einer sowieso stattfindenen Veranstaltung wie einem Markt hinzu, sondern waren selbst der Mittelpunkt. 350 Männer saßen gespannt schweigend auf dem Boden um uns herum und hörten konzentriert zu. Es war tatsächlich mucksmäuschenstill. Und dann erzählten wir alles das, was für die Dorfbewohner von Interesse sein konnte: was Solarenergie ist, wofür sie genutzt werden kann und mit was für Preisen dies verbunden ist. Zuvor wussten die meisten noch nicht einmal, wie ein Solarpannel aussieht, so dass die Informationen wirklich wie von einem ausgetrockneten Waschlappen aufgesaugt wurden. Danach wurden Fragen über Fragen gestellt, wobei von vielen Zuhörern fleissig mitgeschrieben wurde (schön und in gewissem Sinne auch representativ fand ich die nicht nur einmal gestellte Frage, ob die Elektrizität auch mit dem Nachbar oder der Familie, die am anderen Ende des Dorfes wohnt, geteilt werden kann). Erste Pläne für eine gemeinsame Kaufaktion auf dem Festland wurden geschmiedet... Als die Dunkelheit hereinbrach, kam für viele wahrscheinlich der Höhepunkt des Tages. Die zuvor fast unscheinbar in der Sonne brutzelnden Solarlampen wurden angeschaltet. Und plötzlich war eine Ecke des sonst im Stockdunkeln liegende Dorfplatz erhellt! Eine besondere Attraktion war außerdem, dass die Intensität des Lichtes verändert werden konnte, wie ein kleiner Dimmer mit 2 Stufen. Das zog nun auch die Kinder wie ein Magnet an. Fasziniert und nicht immer erfolgreich schalteten Kinder und Erwachsene wild an den Lampen herum. Als das Chaos zu unübersichtlich wurde, bildeten wir ordentliche Reihen, so dass jeder Interessierte (und das waren viele!) einmal an- und ausschalten durfte. Auch das Handyladegerät war äußerst beliebt und hat bestimmt so viele Handys für wenige Sekunden geladen, wie die Lampen ein- und ausgeschaltet wurden... Am Abend saßen wir dann im kleinen Kreis gemeinsam im Licht einer Soluxlampe.Das Fragen und Verstehen-wollen hielt an, bis irgendwann die Akkus der Lampe alle waren. Es war das erste Mal, dass ich alles, vom Zähneputzen über den Klogang zum Sachen packen für den nächsten Morgen, ohne jeglichen Funken Licht erledigte ... wie unvorstellbar tiefschwarz die Nacht doch war! Dafür funkelten aber auch die Sterne noch heller, als sie es sowieso schon in tansanischen Nächten zu tun pflegen... |