"Muhsin, weißt Du, wo meine Sportschuhe sind?" - "Ja, im Küchenschrank." - "Nee, da sind nur deine." - "Aaahhh... jetzt erinnere ich mich. Mr. Mwenda hat sie ausgeliehen. Er hat sie fürs Training gebraucht." - "Wiiee?" Der nimmt einfach meine Schuhe mit, ohne mich zu fragen?!? - "Ja, er hat sie fürs Training gebraucht. Ich hab ihm gesagt, er soll Dir ´ne Sms schicken." Dadurch, dass Muhsin nun schon mehrere Monate mit uns zusammenlebt, weiß er, dass es für uns Europäer nicht so normal ist, dass Freunde sich Gegenstände, die gerade nicht in Benutzung sind, einfach "ausleihen". Deswegen hat er sich wohl auch gedacht, dass es angebracht wäre, wenn Mr. Mwenda ihr zumindest Bescheid gibt. Aber warum sich Verena immernoch darüber beschwert und wundert, dass der Sportlehrer jetzt mit ihren Schuhen laufen geht, obwohl sie diese heute Morgen auch gerne getragen hätte, versteht er anscheinend nicht so ganz. Die spinnen die Deutschen! Die spinnen die Tansanier! Wer denn nun? Generell ist es viel alltäglicher Dinge auszuleihen und oft kommen diese dann auch nicht zurück, weil die Auffassung herrscht: wenn jemand etwas braucht, wird er es sich schon (zurück-)holen. Und es ist auch absolut keine Seltenheit, dass dieses bereits bei diversen Nachbarn oder Freunden die Runde gemacht hat, bis der eigentliche Besitzer sich sein Eigentum wieder ergattert hat. Jetzt kann die Suche beginnen.
Nach Aussage von Moses ist es eine Art neue Mode unter jugendlichen Freunden. Wenn er seine Hose frisch gewaschen über die Leine hängt ist es selbstverständlich, dass einer seiner Kumpels diese anzieht, sobald sie getrocknet ist. Wenn Moses ihn dann mit seiner Hose erwischt, kann er diese auch nicht einfach zurückfordern, denn das würde gegen die ungeschriebenen Gesetze der Freundschaft verstoßen. Wenn er die Hose eines Tages über irgendeiner Wäscheleine hängen sieht, nimmt er sie sich wieder. Zu sagen, wie oft die Hose in dieser Zeit ihren Besitzer gewechselt hat, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Vieles geht dabei verloren bzw. kommt nicht mehr zurück. Aber das macht Moses nichts. Es selbst ist mit etwa doppelt so vielen Kleidungsstücken hier angekommen, als er bei seiner Abreise mitnehmen wird. Dafür hat er aber beispielsweise in den ganzen zwei Jahren seiner Ausbildung keine einzige Zahnpastatube gekauft und putzt sich trotzdem jeden Morgen damit die Zähne.
Anders ist es, wenn jemand Fremdes sich die Hose nimmt. In diesem Fall kann sie auch unter großem Geschrei auf der Stelle zurückgefordert werden. Moses findet es klasse so. Es gehört sich einfach, sozial zu sein und wer seine Klamotten ausschließlich selbst anzieht, ist ein Egoist. Man begehe bloß nicht den Fehler, sich die Namen der Schüler nach deren Kleidungsstücken einprägen zu wollen. Der grüne Hut wurde von uns schon auf unzähligen verschiedenen Köpfen gesichtet. Der jeweilige Träger kann sich innerhalb von Minuten ändern, andererseits kann der Hut dann aber auch wochenlang auf ein und demselben Haupt sitzen bleiben. So haben wir nun schon wiederholt geglaubt endlich zu wissen, wer denn nun dessen eigentlicher Besitzer ist, bis wir unsere Vermutungen dann doch wieder verwerfen mussten. Aber anscheinend interessiert dieses Rätsel auch niemanden außer uns beide Wazungu (=Weißen). So geht es auch mit einem gelben Bademantel, der als total schicke Rapperjacke interpretiert wird, anderen Jacken und eigentlich sämtlichen Kleidungsstücken der Schüler. Auch meine Schuhe habe ich schon an vielen verschiedenen Füßen durch die Gegend laufen sehen.
Ist es unser Egoismus oder spießig sich nun darüber aufzuregen, dass wir jede Woche unsere Fahrräder reparieren müssen, nur damit ganz Mafinga diese benutzen kann und wir beide trotzdem weiterhin zu Fuß gehen? Sind wir einfach noch nicht tief genug in die tansanische Kultur eingedrungen und sollten uns darüber freuen, dass hier alles allen gehört? Verena kann sich jedenfalls im Moment nicht so sehr für Begriffe wie Gemeinschaftseigentum und Sozialismus begeistern, denn auch ihr Rucksack befindet sich noch auf unbestimmbaren Reisen. Und sie joggt jetzt jeden Morgen mit ihren Stoffschuhen durch den Wald und über Stock und Stein, von denen sie auch wirklich jeden zu spüren bekommt. Andererseits kann es auch ganz praktisch sein, wenn man zum Beispiel ein T-Shirt an eine Freundin verleiht. Beim nächsten Besuch bei ihr zu Hause bekommt man dann eine Jacke ausgeliehen, weil es gerade kalt ist. Jeder ist zufrieden mit seiner Errungenschaft und so wird der Kleiderschrank im Laufe der Zeit neu bestückt ohne Ausmisten oder lästiges Shoppen gehen.
Es spinnt also niemand. Lasst uns lieber eine neue Kultur basteln, in der wir die guten Seiten unserer mit den Vorteilen der tansanischen mischen! |