"Es war wie Krieg. Überall waren Polizisten und Armee. Sie haben uns geschlagen. Siehst du den da drüben? Das ist mein Freund. Er wurde am Bein verletzt." Wenn man diesem Bericht des Touristenführers Jakob in Stonetown auf Sansibar glauben darf, waren die Wahlen am 30. Oktober keineswegs fair. "Zanzibar elections free and fair", behaupten dagegen Wahlbeobachter von Commonwealth und Southern Africa Development Council sowie die Tanzanian Election Commission. Doch im Internet finde ich Bilder von blutüberströmten Sansibaris, von Polizisten mit Gewehr im Anschlag. Was war in Sansibar nur los? Eigentlich sollte am 30. Oktober für ganz Tanzania - das Festland und die Insel Sansibar - ein neuer Präsident sowie die Parlamentsabgeordneten gewählt werden. Doch der Vizekandidat der Partei "Chadema" starb zwei Tage vor der Wahl - die Wahlen auf dem Festland wurden verschoben, Sansibar durfte trotzdem wählen. Hier ist es traditionell besonders knapp: Die Regierungspartei CCM lieferte sich schon 1995 und 2000 ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Opposition CUF.
Beide Male siegte CCM; beide Male unterstellte CUF der Siegerin Wahlbetrug, beide Male wurden Menschen verletzt. "Die Menschen sind wütend, weil die Wahlen nicht fair sind.", erzählt Mohammed, ein aktives CUF-Mitglied. Er selbst war zur Wahl nicht zugelassen - angeblich, weil er umgezogen war. "Weil ich als Oppositionsmitglied nicht wählen soll. Viele meiner Freunde und Parteikollegen dürfen ebenfalls nicht wählen.", glaubt Mohammed den wahren Grund zu wissen. Aber nicht alle Tansanier denken so. "Die CUF-Leute mögen Aufruhr und Krawall. Das ist alles.", meint unsere Nachbarin.
Unsere Köchin und Freundin Salma sagt zuerst etwas ähnliches. Dann aber lacht sie und meint: "Die CCM gewinnt. Sie muss. Das war immer so und wird sich nie ändern." Tatsächlich hatte sie seit der Einführung der Demokratie 1992 immer eine absolute Mehrheit. Als ehemalige Partei des ersten Präsidenten Nyerere, der überall verehrt wird, hat die "Partei der Revolution" (Chama Cha Mapinduzi = CCM) wirklich eine beachtliche Anhängerzahl. Vor allem auf dem Festland wird sie unterstützt. Aber ob sie vielleicht noch ein bisschen nachgeholfen hat? Jakob erzählt: "Hier in Stonetown kennen meine Freunde und ich jeden. Zumindest in unserem Wahlkreis. Am Sonntag kamen plötzlich Busse mit Leuten vom Land hier an. Wir wussten, dass sie vom Land waren, weil wir sie hier in Stonetown noch nie gesehen haben. Sie wurden von allen Seiten von Polizisten beschützt. Diese Leute haben bis zu fünf Mal in verschiedenen Wahlkreisen gewählt. Die Wahlen waren wirklich nicht fair!" Er fragt, was das Ausland zu den Geschehnissen hier in Sansibar sagt. Ich denke an die Bilder von verletzten Sansibaris und sage so viel, wie ich auf Kiswahili sagen kann: "Sie finden es nicht gut." |