Ich sitze auf der Treppe des Häuschens von zwei Freunden, Freiwillige, die in Sansibar arbeiten. Genauer gesagt in Kizimkazi, einem kleinen Dorf im Süden der Insel. Im Sand vor mir spielen Kinder, die T-Shirts zerrissen, keine Schuhe, schmutzige Gesichter. Ich überlege, ob das die Armut ist. Diese Armut, die schrecklich ist, ungerecht und die Menschen kaputt macht. Die Szene ist fotografierbar. Aber sonst?
Die Kinder lachen und kreischen. Sie haben eindeutig Spaß. Ich denke an deutsche Mütter, die ihre Kinder vom Spielplatz zerren und über schmutzige Kleider schimpfen. Ich bin mir nicht sicher. Am Strand treffe ich einen Fischer. Wir sitzen eine Weile am Reisekatalogs-ähnlichen weißen Palmenstrand und unterhalten uns. Irgendwann reicht mein Kiswahili nicht mehr. Ich muss fragen, ob er Englisch spricht. "Kaum, nur das, was ich mir selbst beigebracht habe. Ich bin nicht lange zu Schule gegangen." - "Warum?", frage ich. "Irgendwann habe ich angefangen, Fische zu fangen." - "Warum?" - "Es macht Spaß." - "Mehr, als zur Schule zu gehen?" - "Es macht mir Spaß." Er lächelt. "Mehr, als zur Schule zu gehen?" - "Nein. Jetzt bereue ich es. Meine Familie hatte kein Geld. Ich bin aus der Schule abgehauen. Ich hatte keine Wahl."
Da ist sie, denke ich. Man sieht sie auf den ersten Blick nicht wie ein zerrissenes T-Shirt. Aber solange die Grundbedürfnisse wie Nahrung und Wasser gedeckt sind, ist sie wohl eine der schlimmsten Formen der Armut: Bildungsarmut. Ich denke an unsere Nachbarin Shani, die mehrere Monate Schule verpasste, bis ihre Familie endlich genug Geld für die Schulgebühren beisammen hatte. Beinahe kam sie zu spät um ihre Abschlussprüfung mitzuschreiben.  
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