Ein Trip zu Geschichte und Arts Festival: Aus dem Hinterland Tansanias kommend wurden die Sklaven im 19. Jahrhundert von Arabern nach Bagamoyo verschleppt und dort mit Dhaus, kleinen Booten, nach Sansibar verschifft... Im Hafen von Bagamoyo hatten sie nur noch ihre letzte Hoffnung, sozusagen ihr Herz, das sie zurücklassen konnten. Alles andere hatten sie auf dem anstrengenden Trip verloren: Ihr Hab und Gut, ihre Gesundheit, ihre Menschenwürde. Deshalb heißt der kleine Ort heute Bagamoyo - auf Deutsch etwa: Leg dein Herz nieder. Von hier ging es für die Sklaven nach Sansibar und weiter nach Asien. Es gab für sie kein Entkommen mehr. Nicht ganz so traurig ist der Grund, weshalb wir Bagamoyo letztes Wochenende besucht haben: Es ist durch das berühmte College of Arts kulturelles Zentrum Tansanias. Zum Bagamoyo Arts Festival, das einmal im Jahr stattfindet, kommen Musiker, Bildhauer Schauspieler und Tänzer aus ganz Tansania zusammen. Nach den Shows und Theaterstücken auf der Bühne feierten wir nachts bei Trommelklängen am Lagerfeuer weiter.
Am nächsten Tag machten wir uns auf, Bagamoyos Geschichte zu entdecken: Zum Beispiel die älteste Kirche Ostafrikas - katholisch, gebaut 1872 - und deutsche Kolonialgebäude - groß, früher wohl einmal prunkvoll, heute schon fast Ruinen. Sie geben dem kleinen Küstenort ein fast europäisches, mediterranes Flair. Warum aber deutsche Gebäude in Tansania? 1884 war der Deutsche Carl Peters ohne Regierungsauftrag nach Ostafrika gereist und hatte mit Häuptlingen unter Anwendung krimineller Methoden so genannte Schutzverträge abgeschlossen und auf diese Weise riesige Flächen für das Deutsche Reich erworben. Von 1885 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Tansania deutsche Kolonie. Dann ging es in den Besitz des Völkerbunds über und stand bis zum Unabhängigkeitskrieg 1961 unter britischem Protektorat.
Im Museum warfen wir einen Blick auf die "Usambara-Post", eine deutsche Zeitung aus der Kolonialzeit. Und waren geschockt. "Wie erzieht man am besten den Neger zur Plantagenarbeit?", war etwa der Titel einer Buchbesprechung. Obwohl man viel hört und vielleicht weiß über den Sklavenhandel, ist es doch anders, diese Überschrift mitten in Afrika schwarz auf weiß in einer Zeitung zu finden.
Man könnte meinen, Tansanier hassen uns Deutsche jetzt. Das Gegenteil ist der Fall: Dadurch, dass Deutschland zu Tansania heute relativ gute Beziehungen unterhält, was die Entwicklungszusammenarbeit betrifft, leben und arbeiten viele Deutsche in Tansania. Vor allem in Dar es Salaam kennt man "die Deutschen", die sich für NGOs oder Kirchen engagieren und uns wird überall mit Gastfreundschaft und Herzlichkeit begegnet. Die deutsche Kolonialzeit liegt auch länger zurück, als zum Beispiel die britische Herrschaft.
Deshalb vergessen wir die bedrückende Stimmung des Museums schnell wieder, bringen den Rastafaris am Strand ein paar Brocken Deutsch bei, als sie uns darum bitten, stecken uns Blumen ins Haar, lachen und genießen unser Wochenende. |