weltwärts Es weint weil du weiss bist
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Ich wollte nur ein Foto machen. Die Sonne fällt hier vom Himmel. Durch die Äquatornähe wird es innerhalb weniger Minuten stockdunkel. Die Gelegenheit, Joschka beim Fußballspielen auf dem in rotes Licht getauchte Feld zu fotografieren, wollte ich nutzen.

Ich setzte mich auf eine Bank und kramte in meiner Tasche. Da war plötzlich dieses Weinen.

esweintweil01.jpgZuerst konnte ich es nicht orten. Doch - es kam von einem kleinen Kind. Es hockte an einer Mauer und verbarg seinen Kopf in den Händen. "Es weint, weil du weiß bist." Diese Erklärung gab mir ein Mädchen, das in der Nähe saß. Inzwischen waren einige Menschen aufmerksam geworden. Nachdem der kleine Junge sich auch nicht auf freundliches Reden von mir beruhigen ließ, nahm ihn ein Mann schließlich auf den Arm und ging mit ihm weg. Die Leute waren eher belustigt als verärgert.

Trotzdem fühlte ich mich schuldig. Andererseits musste ich innerlich lachen. Was war an mir, dass man vor mir Angst haben könnte? War ich nicht völlig normal? Ich merkte einmal mehr, dass ich nicht normal bin. Das eigentlich gar nichts normal ist. Und die Welt, in der ich lebe, ist vor allem meine Welt.

esweintweil02.jpgVerwirrt von dieser Erfahrung begann ich ein Gespräch mit dem Mädchen neben mir. Das war meine erste Begegnung mit Rachel. Sie ist 16 Jahre alt und wohnt in der Nähe des Fußballfelds. Das erfuhr ich, nachdem sie mich nach ein paar Minuten zu sich nach Hause einlud. Sie wohnt in einer Art Wohnblock. Von diesen habe ich in Dar es Salaam noch nicht viele gesehen. Eher verbreitet sind Wellblechhütten oder die besseren Häuser mit Ziegeln. Wir kamen in einen großen Hof voller Menschen. Wieder einmal richteten sich alle Augen auf mich. Aber of sind es keine unangenehmen Blicke. Nur neugierige.

Ich folgte Rachel durch den Hof und dachte plötzlich, dass da, wo die Menschen am ärmsten sind, am meisten Menschen auf engstem Raum leben. An sich keine neue Erkenntnis. Aber plötzlich hatte deutlich das Bild von einer Villa vor Augen.

Ich würde durch diese Villa gehen. Würde mich umsehen. Nirgendwo würde ich irgendeinen Menschen sehen. Sondern teure Möbel, einen Swimming-Pool, vielleicht einen Park. Ich würde rennen und rennen. Vielleicht würde es Stunden dauern, bis ich den nächsten Menschen treffen würde.

esweintweil03.jpgUnd ich stand in diesem Hof und überall, wirklich überall waren Menschen. Es war dreckig. Es stank. Aber diese Menschen waren da. Die Villa in meiner Vorstellung kam mir kalt und leer vor. Rachel nahm mich mit in ihre Wohnung und stellte mich ihrer Mutter und ihren vier Geschwistern vor.

Ich saß in dem winzigen Wohnzimmer und fragte mich, wo diese Kinder alle schlafen. Bis jetzt habe ich es noch nicht herausgefunden. Rachel zeigte mir Fotos von der ganzen Familie; dann begleitete sie mich mit ihrer Freundin Bahati nach Hause. Sie blieben gleich zum Essen. Am nächsten Sonntag gingen wir gemeinsam zum Strand. Einfach nur UNO-Spielen - die Kinder hier lieben dieses Kartenspiel - baden, lachen, Kiswahili ausprobieren und Fotos machen. Das Leben ist schön.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 30. März 2008 um 14:35 Uhr
 

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