"Oh, wenn du gar nicht in Deutschland bist, dann verpasst du ja die Wahlen. Würdest du Schröder wiederwählen oder Angela Merkel?" So lautete die zweite Frage nach "Woher kommst du?", als ich in der Kantine der Uni mit drei Studenten aus Uganda ins Gespräch kam. Ich war verblüfft: Die Drei wussten über die momentane Situation in Deutschland genauso viel wie ich. Wir führten ein langes Gespräch über Deutschland, Europa, Tansania, Uganda, Amerika, die Welt. Noch oft habe ich mit Tobi und Frieda, zwei anderen FÖJlern, während unseres Vorbereitungsseminars die drei in ihrem winzigen Zimmer besucht. Da saßen wir auf dem Bett und redeten und redeten. Und sie redeten gerne. Wenn sie zu dritt waren, am meisten. Zum Glück Englisch. Sowieso sprechen sie untereinander nur Englisch. Da sie aus verschiedenen Teilen Ugandas kommen - Dan aus dem Westen, Daniel aus dem Osten und Jakob aus dem Norden - ist ihre Muttersprache jeweils die Sprache des eigenen Stammes. Ihr Englisch ist also perfekt, nur mit diesem netten, weichen afrikanischen Akzent. Uganda ist anders als Tansania, erzählten sie. Viel hektischer. Ein Passant, den man auf der Straße nach dem Weg fragt, wird einem den kaum zeigen, wie hier in Tansania.
Viel zu tun, keine Zeit. Hier führt man einen Fremden ganz selbstverständlich herum. Auch wenn man in zehn Minuten am anderen Ende der Stadt sein muss. So viel Zeit muss sein, alles andere wäre unhöflich. Auf zwischenmenschliche Beziehungen wird in Tansania viel Wert gelegt. "Die Tansanier sind so langsam?", seufzte Daniel. Wir staunten. Nach einer Woche Tansania hatten wir sofort das Gefühl, drei Europäer vor uns zu haben. Dass es auch zwischen afrikanischen Staaten Unterschiede gibt - darauf waren wir nicht gekommen. "Uganda ist viel kapitalistischer als Tansania. Wenn Uganda die Vorteile Tansanias hätte, zum Beispiel den Zugang zum Meer, dann wäre es schon viel weiter als Tansania.", so Dan´s These. "In Tansania hat der Nyerere-Sozialismus Spuren hinterlassen." Was sie besser finden - so die Frage von uns stressgeplagten Europäern. Natürlich hätte diese langsame, hilfsbereite Lebenseinstellung viele schöne Seiten. Schneller wirtschaftlich voran käme man aber mit Ellbogen-Einsatz. Oder zumindest war dem Trio noch keine bessere, menschlichere Lösung eingefallen. Uns natürlich auch nicht.
Wir erzählten Dan, Daniel und Jakob von der These, dass europäische oder nordamerikanische Firmen, die in Afrika investieren, nur scheinbar Wohlstand bringen. Das Geld bliebe in der "Ersten Welt" und Afrika würde wieder Kolonie. Auch später habe ich mit unserem Nachbarn David über diese Frage geredet. Die Antworten waren ähnlich: Investitionen, und als Folge wirtschaftlicher Aufschwung, sind erwünscht. Egal wie genau und von wem. Europa und USA bedeuten Geld. Diese positive Einstellung gegenüber einer in unseren Augen oft ungerechten Globalisierung hat mich erstaunt. Bedeutet das, dass Afrikaner vielleicht erst einmal hoffen, dass überhaupt irgendetwas passiert? Die Spur irgendeiner Zusammenarbeit, ein Hauch Interesse, Veränderung? Gibt es keine neue Kolonialisierung in Afrika? Vielleicht sind wir Europäer überkritisch mit unseren Kolonialisierungsängsten. Möglicherweise zeigt die Antwort aber auch, wie schlimm es wirklich aussieht in Afrika. So schlimm vielleicht, dass Gedanken an Unterdrückung von Seiten des Nordens in Tansania nicht so präsent sind wie bei uns. Dass Tanzanier vom Norden eher Ignoranz erfahren als Unterdrückung. Die wahrscheinlichste Erklärung für die Antwort ist aber: David und Dan waren einfach nur höflich. Ich habe bis jetzt viele nette, höfliche Menschen getroffen. Menschen die offen waren, herzlich und positiv. Menschen, die einen Europäer vielleicht nicht gleich kritisieren wollen? Also tun wir das lieber selbst? Paradox und manchmal sehr lustig. Andererseits: "Was man wirklich nicht behaupten kann", meinte Joschka, "was uns aber so oft in Deutschland erzählt wurde: Dass man mit Tanzaniern nicht über das oberflächliche Höflichkeitsaustauschen hinwegkommt und von Kritik niemand etwas hält." Ein paar unserer Nachbarn fragten uns gleich am ersten Abend, was wir von Hitler halten und guckten dabei schon einen Hauch von vorwurfsvoll. "Natürlich nichts", war unsere Antwort. Wieder eine Gelegenheit, Selbstkritik zu üben. Und uns zu freuen. Gute Unterhaltungen sind etwas Schönes. |