Joschka hat Malaria. Gleich am Anfang. ?Oh, Malaria is not that big deal.?, versuchte Olivia uns zu beruhigen. Jeder Tanzanier, zumindest jeder Küstenbewohner, hatte wohl schon einmal Malaria. ?But I can?t go on in this rhythm.?, gab Joschka zu bedenken. Wir sind erst etwas mehr als drei Wochen hier. Joschka liegt im Bett und übergibt sich und das wahrscheinlich wegen des Gegenmittels Lariam, nicht wegen Malaria. Zum Glück ist ein Krankenhaus gleich um die Ecke und zumindest der Malaria-Test ist kein"big deal". Olivia ist "für ein Jahr unsere Mama und unser Boss" (O-Ton Jonas). Man kann wunderbar mit ihr lachen, zum Beispiel darüber, dass Joschka und Jonas ununterbrochen "pili-pili" (Chili) essen. Das ist hier billig. Grüne kleine Früchte. Überhaupt ist vieles billig. Für 70 Cent kann man zu Mittag essen. Aber die Leute verdienen auch wenig. Günstig kann man auf dem Markt einkaufen. Ein großer, bunter, lauter, stinkender Markt ist fünf Minuten von unserem Haus entfernt: Mwenge. Der erste Besuch in Mwenge war schockierend. "Mzungu, mzungu!" (die Kinder) "Hey, good evening! Karibu!" (die Händler) "Ey, dada (dada bedeutet Schwester), sister! Come here!" (die Männer).
Aber man gewöhnt sich daran. Trotzdem laufe ich manchmal über die Straßen und merke plötzlich, WIE weiß ich bin. Als ob ich sie physisch spüren könnte, diese helle Farbe. Als ob mich jemand angestrichen hätte und ich noch nicht ganz trocken wäre. Ungemütlich. Ich fange an, darüber nachzudenken, ob ich mich nicht verkleiden könnte. Aber diese Hautfarbe kann man nicht verstecken. Es hat auch Vorteile, Weißer zu sein. Man wird netter behandelt, Leute sprechen einen auf der Straße an. Jeder von uns hat seine eigene Telefonnummer-Sammlung eröffnet. Scheinbar gilt die unausgesprochene Regel: "Mit einem Weißen befreundet zu sein, kann nie schaden". Denn Weiße haben Geld. Schon allein der Flug hierher wäre für die meisten Tansanier so unbezahlbar, dass unsere Hautfarbe schon ein Beweis für unseren Reichtum ist. Viele Tansanier sind einfach nur freundlich und neugierig auf unser "Anders-sein" genau wie wir auf ihres. Aber es kommt auch vor, dass man nach einer netten Unterhaltung um Geld gebeten wird. Das Unangenehme daran ist nicht, dass man es sich nicht leisten könnte, einige tansanische Shillingi herzugeben. Das Problem ist das Gefühl, dass man dabei hat: Wie ein dicker weißer Tourist, der angesichts der Armut, die er sieht, sein Gewissen beruhigen will. Und die ungezwungene, gleichberechtigte Unterhaltung, die man noch kurz vorher mit dem Tansanier geführt hat, ist sofort zerstört, sobald man den Geldbeutel zückt. Denn damit wird man zum Almosengeber und der Tansanier zum Bittenden, der unter einem steht. Glück gehabt, wenn ich gerade etwas zu Essen dabei habe. Ein paar Früchte entsprechen ungefähr dem Geldwert, den ich gegeben hätte. Aber so eine Banane zu bekommen hat etwas Freundschaftliches. Einkaufen ist hier manchmal schwierig: Überall bekommt man spezielle Wazungu-Preise. Ungefähr das Doppelte. Oder Dreifache. Da hilft nur: Handeln, was das Zeug hält! Und versuchen, das beste und sicherste Kiswahili zu sprechen. Das kann den Preis womöglich senken.
Man muss einfach alles tun, um sich von den normalen Touristen zu unterscheiden. Manchmal entwickeln wir komische Ticks: "Die haben doch spezielle Mzungu-Computer mit schlechterer Verbindung. Das sind doch Rassisten.", vermutete Jonas im Internet-Cafe. Eigentlich war das aber nur ein Scherz und unser Schwarz-Weiß-Denken ist noch nicht so weit fortgeschritten. Und wenn, dann eher in die umgekehrte Richtung: "Hatupendi Wazungu." - "Wir mögen keine Weißen.", erklärten wir dem belustigten Arbeitskollegen von Olivia. Soll bedeuten, dass wir hier sind, um Tansanier kennenzulernen. Und nicht Entwicklungshelfer oder Urlauber / Weiße, denen man hier in der Großstadt Dar es Salaam oft über den Weg läuft. Meistens sind die ziemlich kontaktfreudig. Froh, in einem fremden Land endlich jemandem zu treffen, der die gleiche Sprache spricht oder auch nur in einer ähnlichen Situation ist wie sie.
Schön, dass Joschka, Jonas und ich uns gegenseitig haben um Gedanken auszutauschen. Und auch Julia aus Berlin, die wir beim Kiswahili-Kurs in Deutschland kennengelernt haben. Sie arbeitet für ein halbes Jahr bei einer Nichtregierungsorganisation (NGO) für Jugendrechte, die unter anderem Fußballtraining und Aidsaufklärung anbietet. Und sie muntert den armen Joschka wieder auf. Nach einigen Tagen Malaria ging es ihm schon wieder besser. |