Und mal wieder liege ich krank im Bett; Halsschmerzen, Kopfschmerzen, Durchfall und erhöhte Temperatur. "Ein einfacher Infekt oder irgendwas Grippeähnliches", würde ich in Deutschland sagen und einfach zwei Tage zu Hause bleiben. Doch hier kann ja Fieber bzw. erhöhte Temperatur ein Anzeichen von Malaria sein... Also ab zum Arzt und einen Bluttest machen.Auf dem Patientenstuhl sitzend erwarte ich neugierig mein Ergebnis. "Mmmh..." brummt der Arzt im Hawaihemd, "keine Malaria, keine Amöben. Du hast eine Mandelentzündung. Und, ach ja! Typhus." In den nächsten Sekunden im Arztzimmer schoss es mir durch den Kopf: "TYPHUS. Was ist das nochmal? Meine Gastmutter hatte vor ein paar Monaten Typhus und sie sah jeden Tag schrecklich leidend aus und hatte schlimme Kopfschmerzen. Typhus ist über dreckiges Wasser und Essen (Salat, Tomatenschalen,...) übertragbar. Woher kann ich Typhus bekommen haben? Oohhh... Salat habe ich einmal gegessen, oder kommt es von den ungeschälten Pfirsichen in den Usambarabergen oder von den Eiswürfeln im Cocktail letztens...?!" Beim Verlassen der Praxis (Antibiotika, Schmerzmittel, Chloridzeugs und Vitamintabletten in der Hand) fällt mir auf: "Hab ich mich nicht extra in Deutschland noch gegen Typhus impfen lassen?!" Eine verwirrte SMS an Anouk, doch bitte eine Internet-Recherche über Typhus zu machen. Das Ergebnis war erschreckend! Typhus gehört zu den "gefährlichen Drei - Malaria, Amöben und Typhus" laut Auswärtigem Amt. In Deutschland würde man für zwei Wochen in ein Krankenhaus gesteckt und unter Quarantäne gestellt, weil Typhus anscheinend ziemlich ansteckend ist. Wie gut, dass Anouk und ich in einem Bett schlafen... Aha! Die Impfung ist nur ein 60-prozentiger Schutz gegen eine Ansteckung, lindert jedoch die Symptome. Welch ein Glück, die Symptome werden nämlich ziemlich übel beschrieben: 40-41 Grad Fieber...! Auch Berühmtheiten wie Anne Frank sind an Typhus gestorben. Aus Deutschland bekomme ich in den nächsten Tagen besorgte Anrufe, SMS und Mails; viele haben Angst um mein Leben. Unserem ehemaligem Mitbewohner Markus wird von seinem deutschen Chef verboten, zur Arbeit zu kommen, wegen der hohen Ansteckungsgefahr. Jedoch wundern sich meine tansanischen Kollegen, warum ich so lange zu Hause bleibe (ganze 3 Tage), und von meiner Chefin bekomme ich ein Lächeln und den Kommentar: "You have Typhus? Welcome to Tanzania!" Wieder einmal entdecke ich die Verschiedenheit der Einstellungen zu Krankheiten in meinem deutschen und meinem tansanischen Umfeld. Viele Menschen, die ich hier kennengelernt habe, schleppen sich auch krank zur Arbeit (es gibt ja schließlich das Lieblingsmedikament Paracetamol, um Schmerzen zu lindern ;-) )und durch den Tag. Die einzige Krankheit, für die man ehrliches Mitleid bekommt, ist Malaria. Mitleid bedeutet jedoch nicht Verständnis fürs Auskurieren zu Hause. Auch mit Malaria wird gearbeitet. Aber warum? Können es sich die meisten Tansanier nicht leisten, einen Tag auf der Arbeit zu fehlen? Oder fühlen sich viele "stärker als Malaria", wie es ein Freund von uns ausgedrückt hat? Oder ist es einfach so alltäglich, mit den "Gefährlichen Drei" konfrontiert zu werden, dass diese Krankheiten nicht anders angesehen werden als bei uns eine starke Erkältung? ("Was?! In Deutschland gibt es kein Typhus?! Hier hatte jeder Mensch mindestens einmal im Leben Typhus.") Oder übertreiben es die meisten Deutschen bei der Einschätzung von "unbekannten" Krankheiten??? Natürlich sterben jedes Jahr tausende Menschen an Malaria (und wahrscheinlich auch ein paar an Typhus...). Solange man jedoch Zugang zu ärztlicher Behandlung und Medikamenten hat, sind Malaria, Amöben und Typhus heilbar. Ich bin immer noch verwirrt. Und weiß nicht, welche Seite nun "Recht" hat mit den jeweiligen Krankheitseinschätzungen. Meiner Mutter musste ich versprechen, zum Nachkontrolltest zu gehen, um zu verhindern, dass ich ein "Dauerausscheider" von Typhusbakterien werde. Ein Zitat von ihr aus einer Mail trifft wahrscheinlich zu; "Da du anscheinend vom Hypochonder in Deutschland zum Gegenteil in Tansania mutiert bist,..." Meine Einstellung zu Krankheiten hat sich hier wirklich verändert. Ich gehe hier zwar öfter zum Arzt als in Deutschland, wenn ich jedoch krank bin, mache ich mir nicht mehr so viele Sorgen. Irgendwie kann ich mir auch keine ernsthaften Sorgen um meine Gesundheit machen, wenn mein soziales Umfeld (Freunde und Kollegen) mich "normal" behandelt, obwohl ich an Typhus "leide". Zu Silvester nahm ich mir für das nächste halbe Jahr vor, mehr darauf zu achten, was ich esse. Vor allem, weil mir meine Chefin noch die Geschichte des Gemüseanbaus in und um Arusha erzählt hat: "Es gibt hier ein Klärwerk und dort holen sich halt die Leute ihren Dünger für die Felder - menschlichen Dünger also." An meinen Vorsatz habe ich mich erst letzte Woche wieder erinnert, als ich fröhlich einen Salat aß... - aber in einem Kloster, wo die Nonnen ihren Salat hoffentlich selbst anbauen. ;-) (Alev Coban) MALARIA:„Meine Malaria wurde dadurch festgestellt, dass meine tansanische Kollegin auf mich zuging, mein Auge auseinander zog und meinte: "Du hast Malaria". Ich durfte dann einige Zeit zu Hause bleiben, weil es mir nicht so gut ging. In Deutschland haben sich alle große Sorgen gemacht. Ich kann das auch gut verstehen, denn die Krankheit ist in Deutschland ja eher bekannt als etwas, an dem man sofort stirbt. Das stimmt auch leider oft, eben immer dann, wenn man kein Geld für Medikamente hat." (Femke Hustert, Dar es Salaam) „Ich bekam meine Malaria geschlagene 17(!) Tage nach meinem Aufenthalt in Dar, nachdem ich knappe 3 Stunden lang joggen war. Das hat das Immunsystem so geschwächt, dass die 2 Erreger, die dann gemessen wurden, ausbrechen konnten. Für einen Tag lag ich flach, dann bin ich wieder zur Arbeit, hab aber pole pole (langsam) gemacht. Mir wurde viel Pole (Beileid) zugetragen und ich hätte wahrscheinlich auch nicht arbeiten können, wenn ich das gewollt hätte. Nach einer guten Woche habe ich nochmal Malaria testen lassen. Negativ. Dann auch noch ein "Weißes Blutbild" erstellen lassen, bei dem die Leukozyten gemessen werden. Damit stellt man fest, ob man bleibende Schäden davon getragen hat. Ich habe die Malaria schnell bemerkt und bin dann auch gleich zum Arzt gegangen und so konnte ich sie schon früh behandeln. Je länger man wartet, desto gefährlicher wird das Ganze. Unsere Haushälterin war deswegen schon mal eine Woche in stationärer Behandlung, sie hatte sich fast tot gefühlt. Sie hatte den Arztbesuch auch ziemlich lange herausgezögert." (Felix Radeck, Mafinga) „Inzwischen hatte ich nun auch meine erste Malaria. 8 Parasiten wurden gesehen. Mein Fieber war einen Tag ganz schlimm und ich wurde von meinem Arzt total auf den Arm genommen, als er meinte, er gebe mir jetzt 10 Spritzen! Die erste in die Bauchdecke und die zweite in die Kehle!!! Vor Schreck konnte ich gar nichts sagen außer „Nein!", und da fing er auch schon an zu lachen. (Ich liebe meinen Arzt. ;-) ) Ich lag eine Woche lang im Bett, aber eher wegen der Medikamentnebenwirkungen. Nächste Woche werde ich mich nochmal testen lassen." (Alev Coban, Arusha) „Malaria kann eine schlimme Krankheit sein, muss sie aber definitiv nicht... Ich hatte meine obligatorische Malaria im Süden Tansanias. Ich wäre eigentlich nicht darauf gekommen, mich testen zu lassen, denn ich hatte fast keine Symptome, nur leicht erhöhte Temperatur, Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen; die Schwestern im Kloster haben mich aber gezwungen, zur Dispensary zu gehen. 1 Parasit wurde nur gesehen... Mein Chef hatte zur gleichen Zeit ebenfalls einen Parasiten, wir beide gingen aber direkt nach dem Test in der Mittagspause wieder zurück in den Klassenraum zum Unterrichten. Beileid gab es viel, aber niemand wunderte sich, dass ich nicht das Bett hütete. Ein Bekannter schickte mir eine Tüte mit ca. 30 Bananen - „für die Vitamine!". Er wusste natürlich nicht, dass ich keine Bananen mag, aber ich hatte auch genug fleißige Esser in Reichweite!" (Anouk Neuhaus, Arusha) AMÖBEN:Ich habe mittlerweile meine dritte Amöbenattacke überstanden. Die Symptome sind ähnlich wie bei einer Malaria, weshalb die beiden auch gern verwechselt und dann falsch behandelt werden. Sicherheit bietet nur die Laboruntersuchung. Wenn man dann die richtigen Medikamente bekommt, ist es auch nach 3 Tagen vorbei - sollte es jedenfalls, ich kann nicht glauben, dass ich zum 3. Mal Amöben bekommen habe, Alev aber noch nie, wir essen und trinken doch immer das gleiche! Vielleicht sind sie also dauerhaft? Diese Gedanken im Kopf ging ich sicherheitshalber noch mal ins Krankenhaus und ließ meine Leber untersuchen. Wie meine Eltern während meiner ersten Amöbenattacke beim Tropenarzt rausbekommen haben, zu dem sie panisch gerannt sind, können sich dort nämlich Amöben festsetzen und Leberschäden hinterlassen. Das nennt man dann Amöbenleberabzess, und "der nicht diagnostizierte oder nicht suffizient behandelte Amöbenleberabszess verläuft häufig letal." (Deutsches Ärzteblatt). Behandelt man die Amöben aber, muss es ja nicht soweit kommen! So richtig schlecht ging es mir nicht wegen der Amöben, sondern wegen der Medikamente, die sehr stark sind. Man verträgt sie besser, wenn man viel und fettig isst, was ich am Anfang natürlich nicht wusste und dementsprechend extreme, schlaflose Nächte verursachende Bauchkrämpfe hatte. Wenn man sich aber daran hält, ist es eigentlich nicht so schlimm. Trotzdem bin ich, vor allem wegen Sorgen aus Deutschland, immer drei Tage zu Hause geblieben. Mein Chef ist zum Glück mit der westlichen Kultur vertraut, hatte schon viele deutsche Freiwillige, sodass er nicht so überrascht ist, wenn ich bei Krankheit wegen Sorgensbekundungen aus Deutschland länger zu Hause bleibe, als es in Tansania üblich ist. Er versteht das, ganz anders als unser Wachman, ein Maasai aus Longido. Der dachte, ich läge im Bett und stürbe, weil ich so lange das Haus nicht verlassen hatte! (Anouk Neuhaus) |