Eine der beliebtesten Berufsgruppen sind die Ärzte. Weiter hinten gegen Ende der Liste und relativ unbeliebt kommen dann die Handwerker. Als sich dieser Gedanke in mein Bewusstsein drängt, erinnere ich mich daran, wie ich diese Meinung in Deutschland noch geteilt hab. Hier sieht es anders aus...
Am Abend fühle ich mich ein bisschen unwohl. Es ist Freitag und ich hab schon den ganzen Tag schlechte Witze gemacht und fahriges Zeug geredet. Ein Grund, lieber Fieber zu messen. Ich bekomme etwas Angst, weil ich 38,7° messe - es fühlt sich jedoch sofort wie 40° und mehr an. Als ich morgens aufwache, gehe ich zum Krankenhaus. Dort gibt es einen Trakt, etwas wie die Notaufnahme, wo alle Neuankömmlinge mit herkömmlichen Krankheiten vor den Arzt treten. Die anderen Blöcke sind mit Menschen gefüllt, die länger im Krankenhaus liegen und, wie man erahnt, wenn man durch die ängstlich gedrückte Stimmung eines solchen Raumes geht, dieses Krankenhaus teilweise auch nicht mehr verlassen werden. Ich aber trete vor die Anmeldung, lasse mir in ein Heft niederschreiben, dass ich Nils Folchert bin und noch nicht in diesem Krankenhaus war und gehe durch in den Warteflur. Bis ich das Prinzip des Schlange sitzen gecheckt hab, haben mich schon zwei Leute überholt. Nicht einmal die Hälfte der Leute dort sind nämlich auch wirklich Patienten, ein Großteil der Menschen ist Unterstützung. Außer mir ist nur ein klappriger alter Mann alleine dort. Nach langer Zeit komme ich zur Ärztin. Ich schildere meinen Fall und sage, dass ich einen Malariatest für angebracht halte. Die Ärztin sagt mir, meine Temperatur sei sehr hoch und sie halte einen Malariatest für angebracht. Den macht man direkt nebenan. Ich werde einmal von einem freundlichen Laboranten mit einer sterilen Nadel in den Ringfinger gestochen, ein Tropfen Blut wird auf ein Glasplättchen gedrückt und drauf verwischt. Der Mann wird sich an ein Mikroskop setzen und im Blut nachsehen, ob Malariaparasiten drin sind. Ich soll mir das Ergebnis nach einer Stunde abholen. Ob er nach einer Stunde noch erinnert, welches rote Glasplättchen zu wem gehört? Es ist negativ. Keine Malaria. Aber noch ein Gespräch mit der Ärztin. Sie sagt, meine Temperatur sei trotz allem sehr hoch und ich solle Malariamedikamente nehmen. Mit einem Satz ist meine Freude und das Vertrauen in das Testergebnis verflogen und ich sehe die Ärztin an. Ist sie überfordert oder hat sie kein Interesse an meiner Gesundheit? „Wer Fieber hat, hat Malaria." Wenn das ist, was sie mir hier vermittelt, dann brauch ich doch auch keinen Arzt, oder? Als mein Fieber nach 6 Tagen immer noch nicht weg ist, frage ich meine Freunde. Sie hören mir zu und bestätigen mir, dass ich Malaria habe. Ich beginne, Malariamedikamente zu nehmen. Ich hab noch eine andere Stelle am Fuß, die eitert. Damit gehe ich nicht zum Arzt, weil ich eh nur Antibiotikum und Schmerztabletten verschrieben bekommen würde. Ärzte sind für mich hier nicht die Lichtgestalten. Das schöne Gefühl, behandelt und wieder gesund zu werden, hatte ich nicht. Anders ist hier meine Bewunderung für die Handwerker. Mein rechter Schuh war komplett zerfleddert. Nähte waren aufgeplatzt, Wasser kam überall herein und die Sohle labberte sich in die Freiheit. Ohne eine Hoffnung, dass das reparierbar wäre, ging ich zu einem kleinen Schusterladen an der Straße. „Nun, den Schuh könnte ich natürlich einschicken, aber ich denke, die Reparatur würde teurer werden, als einen neuen Schuh zu kaufen." Diesen Satz hatte ich im Kopf, häufig gehört in Deutschland und akzeptiert. (Warum eigentlich?) Also stand ich vor dem Schusterladen und fragte schüchtern: „Meinst du, du kriegst es hin, diesen Schuh zu reparieren?" Ein ungläubiger Blick. Ungläubig, weil er nicht verstehen konnte, warum dieser Schuh denn nicht reparierbar sein sollte. Als ich nach einer Stunde wiederkam, war ich glücklich: Der Schuh war ganz und tragbar. Mit dem könnte ich rennen oder klettern, gehen oder schwimmen, ohne nass zu werden. Ich bin mit meiner Einstellung sehr sehr weit davon entfernt, meinen überdurchschnittlichen Geldbesitz zu demonstrieren, aber diesem Handwerker hätte ich liebend gerne mehr für seine Kunst gegeben, als das bisschen, das er verlangte (umgerechnet 60 Cent). Ein Freund von mir, Joseph, repariert im Nachbardorf Fahrräder. Ich hab gar nicht so häufig mit ihm zu tun, aber ich nenne ihn einen Freund, weil er sich freut, wenn ich vorbeikomme und ich ihn bewundere. Ich weiß noch, wie im Fahrradladen in Lübeck zwei Mechaniker an dem Fahrrad einer Freundin verzweifelten. Es war so eine chinesische Klapperkiste, wie sie hier überall gefahren werden: Es gibt kein Stück an diesem Fahrrad, das sich nicht ständig lockert. Man findet nicht ein exakt arbeitendes Teil daran: Die Reifen eiern, die Bremsen sind über schlecht fixierbare Stangen mit ihren Hebeln verbunden, das Lenklager knurpschelt, die Pedale brechen ständig ab. Wenn ich mit meinem Fahrrad zu Joseph gefahren komme, fühlt es sich an, wie auf dem Buckel eines alten Rheumakranken zu reiten. Dann guckt sich Joseph das Fahrrad an. Wäre ich er, ich würde weinen. Er aber holt seine Zange und seinen Hammer und nach zwanzig Minuten fahre ich auf einer freundlich schnurrenden Rennmaschine wieder weg. Ich bin ihm dankbar, denn was er gibt, ist mehr als ein heiles Fahrrad: Unsere Hautfarbe macht uns zu Experten. Wo wir als Unbekannte hinkommen, wird uns ohne nachzufragen zu viel zugetraut. Es ist wohltuend, wenn Leute wie Joseph zeigen und es natürlich finden, dass sie Leute vom Fach sind und ich mich nur wundern kann, was sie zustande bringen. Das Lächeln, mit dem meine stümperhaften Versuche in ihren Handwerken quittiert werden, tut gut. |