weltwärts Mosaiksteinchen des Alltags fügen sich zusammen
Mosaiksteinchen des Alltags fügen sich zusammen Drucken
Nun bin ich schon seit gut 5 Monaten im Lande und mein Alltag hat sich allmählich eingependelt. Langsam werden auch noch andere Dinge ersichtlich, die vorher im Gewusel des Alltags und dem Schwall von neuen Eindrücken untergegangen sind. Viele Mosaiksteinchen des Alltags, zuvor zusammenhanglose Eindrücke und unverständlich erscheinende Verhaltensweisen fügen sich allmählich zu etwas Größerem zusammen. Und neue Gedanken und Fragen entstehen...

Nun bin ich schon seit gut 5 Monaten im Lande und mein Alltag hat sich allmählich eingependelt: Die kleinsten steinigen Schleichwege finde ich selbst noch bei Stromausfall, ich weiß, wo ich die besten Erdnusskekse bekomme und lasse mich nicht mehr vom Moskitochor in der Nacht stören. Ebbe und Flut kenne ich gut und mein Arbeitsbereich ist klarer geworden. Auch versetzt es mich nicht mehr in Unruhe morgens noch nicht zu wissen, was der Nachmittag mit sich bringt und mein Schritttempo hat sich dem der Kizimkazier angepasst. Kiswahili taucht in meinem Kopf nicht mehr nur bei anstrengendem Nachdenken sondern auch im Traume auf und eine Solarlampe könnte ich mittlerweile auch im Schlaf reparieren. Und wenn drei Tage Wasser oder Strom ausbleiben, dann lebt man eben ohne weiter... Und langsam werden auch noch andere Dinge ersichtlich, die vorher im Gewusel des Alltags und dem Schwall von neuen Eindrücken untergegangen sind. Viele Mosaiksteinchen des Alltags, zuvor zusammenhanglose Eindrücke und unverständlich erscheinende Verhaltensweisen fügen sich allmählich zu etwas Größerem zusammen. Und neue Gedanken und Fragen entstehen...

So werde ich hier zum Beispiel außerordentlich häufig mit dem Geldproblem konfrontiert: Freunde, Nachbarn, Bekannte und Unbekannte kommen und bitten um Geld. Um Essen zu kaufen, Schulgebühren zu zahlen, weil jemand im Bekanntenkreis krank ist oder um sich einfach mal eine Cola zu gönnen. Dies führt mich immer wieder in einen bisher ungelösten Konflikt, weil ich auf der einen Seite ihre meistens tatsächlich bestehende Notwendigkeit sehe und auf der anderen Seite nicht die Rolle des barmherzigen, im Geld schwimmenden Mzungu einnehmen möchte. Abgesehen davon steckt hinter der fehlenden Bereitschaft Geld zu geben aber auch eine simple Planung, um auch am Ende des Monats noch Geld übrig zu haben für alltägliche Ausgaben und vielleicht auch mal für eine kleine Besonderheit. Dies wäre nicht der Fall, wenn ich jedes Mal bereitwillig mein Portemonnaie zücken würde. Meine Zögerlichkeit und mein häufiges "nein" führen aber auf Seiten der Kizimkazier zu totalem Unverständnis: Wie kann man nur verweigern einem bedürftigen Menschen Geld zu geben, wenn man doch selbst welches besitzt? Warum teile ich nicht (bzw. nur begrenzt), wenn ich doch habe?

Das mir entgegengebrachte Unverständnis, auf das ich zunächst selbst wieder nur mit Unverständnis reagierte, ist bei genauerem Hinschauen aber vollkommen verständlich (komischer Satz). Ich sah bald, dass, wenn dann mal bei einem Kizimkazier Geld vorhanden war, er dies auch in großen Mengen und großzügig mit den anderen teilend, ausgab. Das heißt, dass ihr Umgang mit Geld in beider Hinsicht im Gegensatz zu dem meinigen steht. Erstens, weil Geld wie selbstverständlich geteilt wird und zweitens weil es sofort ausgegeben wird, sobald es da ist und nicht zurückgelegt wird. Dabei werden zwei Dinge deutlich, die das Leben hier in Kizimkazi ungemein prägen: ihr Gemeinschaftssinn und ihr Zeitverständnis.

Gemeinschaftssinn. Geld wird geteilt. Wenn jemand etwas in seine Hände bekommt, dann wird geteilt. Alles. Geld, Fische, Tassen Früchte, Messer, Wasser, einfach alles. Unsere Küche ist draußen, die Tür natürlich immer offen und wenn wir vom Markt kommen mit vollen Taschen und Körben und unseren Kühlschrank prall füllen, am Abend aber trotzdem nur noch wenig da ist, dann, weil auch andere Appetit bekommen haben. Und wenn unser Messer weg ist, dann suchen wir es beim Nachbarn; wenn es da nicht ist, dann vielleicht beim anderen. Und vielleicht findet man ja beim auf dem Weg ne nette Tasse und weil die eigenen gerade im Umlauf sind, nimmt man jene eben mit. Auch Essen tut man nicht geregelt oder an einem festen Ort für sich. Irgendjemand kocht schon, da ist man dann mit und wenn man selbst wieder etwas besser bei Kasse ist, essen eben die anderen bei einem mit. In diesem System gehört allen alles und es wird mitgetragen, wer gerade nicht auf eigenen Füßen stehen kann, wohl wissend, dass schon morgen man selbst auf Stütze angewiesen sein kann. Wer hat, der gibt und wer benötigt, der bekommt. Diese Funktionsweise des natürlichen Ausgleichs, hier erlebt und gelebt in kleinster Form, ist mir bisher nur im Schulunterricht begegnet... Und es macht das fehlende Verständnis der Kizimkazier einleuchtend, wenn ich mein Geld als mein Privateigentum ansehe und planend beiseite lege anstatt bis ins letzte zu teilen.

Zeitverständnis. Geld wird nicht zurückgelegt. Wenn es alle ist, ist es eben alle. Was dann gegessen wird, guckt man später. Dieser Umgang, bei dem die Zukunft vollkommen außer Acht gelassen wird, entspricht exakt den anderen Eindrücken, die ich gewonnen habe. Weder wissen die Leute morgens, wo sie mittags essen, noch wissen sie mittags, was man am Nachmittag tun wird. Und ob man am nächsten Tag einer Arbeit nachgehen wird, kann man auch nie wissen. Fragen, wie was du nach der Schule machen willst oder wie du später zu leben wünschst, stelle ich dem entsprechend kaum noch. Das Leben spielt sich ausschließlich im Hier und Jetzt ab. Zukunft besteht in diesem Sinne nicht. Dies wird selbst im Sprachgebrauch, der fehlenden Exaktheit der Zukunftsbenennung, deutlich: kesho kutwa heißt übermorgen, genauso aber überübermorgen, in fünf Tagen oder zwei Monaten.

Dieses Zeitverständnis, bei dem die Zukunft nur ein abstraktes Konzept ist, das aber nicht in Berührung mit dem eigenen Leben kommt, hat bei mir die Frage aufgeworfen, ob der Gedanke von Entwicklung und somit von Entwicklungshilfe der ihrige ist oder nicht viel mehr ein von der westlichen Welt importierter Gedanke. Erlaubt ihr Zeitverständnis überhaupt den Gedanken von Entwicklung? Entwicklung, das ist doch ein Prozess der Veränderung, in meinem Verständnis von Wachstum. Veränderung aber impliziert doch einen Zukunftsaspekt. Wie soll nun der Entwicklungsgedanke in den Menschen verinnerlicht sein, wenn ihnen die Projektionsfläche, das Zukunftsbewusstsein, dafür fehlt?

Dieser Gedanke mag abstrakt und theoretisch klingen, hat für mich aber eine ganz konkrete Bedeutung, da er schließlich stark meine eigenen Aktivitäten hier und die Entwicklungszusammenarbeit im allgemeinen in Frage stellt. Und gucke ich mich im Dorf um, dann bestätigen die Eindrücke auch meine Überlegungen. Es herrscht eine weit verbreitete, starke Passivität dem eigenen Leben gegenüber. Es wird nicht angepackt und gestaltet - eben entwickelt, sondern vielmehr lässt man das Leben gemächlich auf sich rieseln. Das Bestreben nach Veränderung des Status quo, die Motivation zur Gewinnung neuartiger Erkenntnisse, für mich ein Inbegriff der Entwicklung, bestehen kaum.

Ein klein erscheinender Konflikt, der unterschiedliche Umgang mit dem Geld, erklärt sich mir bei genauerem Hinschauen also mit gravierend unterschiedlichen Anschauungen im Zeitverständnis und im Umgang mit Eigentum. So komplett unterschiedlich, dass sie mal eben jegliche Überzeugungen meines eigenen Handeln ins Wackeln bringen. Doch es ist unglaublich spannend, solche Entdeckungen im Alltag zu machen und macht mir Lust auf die kommenden sieben Monate!

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 19. Juni 2008 um 14:55 Uhr
 

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