weltwärts Sili wanyama. – Ich esse keine Tiere.
Sili wanyama. – Ich esse keine Tiere. Drucken
In Tansania gibt es zwischen Ugali (Kochendes Wasser + Maismehl => Fester Maisbrei) und Bananenmus häufig wenig Auswahl. Diverse Gemüse- und Obstsorten sowie Gewürze können jedoch das alltägliche Essen zu einem Erlebnis werden lassen.

Zu einem guten tansanischen Essen gehört auch die tierische Beilage:
Fleisch und Innereien von Säugetieren wie Kuh, Ziege und Schwein, Hühnervögel, Fisch tellerfüllend oder als ein ganzer Schwarm kleiner Dagaa in Tomatensoße. Mitunter auch Insekten. Das alles gegrillt, gekocht, frittiert oder als Suppe.

Als Tiere (wanyama) werden in der Alltagssprache nur Säugetiere bezeichnet, Fisch ist Fisch (samaki) und Vögel sind Vögel (ndege). Alles, was klein und nervig ist, heißt mdudu.

Wenn ich gefragt werde, was ich essen möchte, z.B. im Hoteli (Restaurant, Ort, an dem es Essen gibt) oder bei Besuchen, muss ich „Sili wanyama." sagen.„Ich esse keine Tiere."
Die Reaktionen variieren von ungläubigem Staunen über Lachen bis hin zu mitleidigem Kopfschütteln. Häufig werden mir als Alternativen sofort Huhn oder Fisch angeboten.

Vegetarismus ist in Tansania sehr ungewöhnlich, für viele nur erklärbar durch Religion (Rastafarians sind Vegetarier, Moslems und Hindus haben Speisetabus), Unverträglichkeit oder der Angst vor Krankheit (auch in Tansania gab es BSE-Fälle).

Was macht Vegetarismus so wenig nachvollziehbar, dass Vegetarier quasi als zu bemitleidende Spinner angesehen werden?

In Deutschland geschehen das Leiden und der gewaltsame Tod der Nutztiere in den meisten Fällen fern vom Alltag, fern vom abgepackten, ausgeblutet-zarten Filetstück. Kaum ein Käufer im Supermarkt ist sich der Vorgeschichte seiner Steaks rational oder gar emotional bewusst.

Viele deutsche Fleischesser rechtfertigen ihr Verhalten entweder mit der gutgläubigen Annahme, dass die Tiere „artgerecht" gehalten werden und ohne Schmerzen sterben. Andere sprechen Tieren von vornherein jegliches Bewusstsein ab.
Wenige würden ihre Meinung aufrechterhalten, wenn sie mit den Tieren zusammenlebten. Wenn sie sehen würden, wie ihr zukünftiges Steak durch ihre eigene Hand stirbt.

Tansanische Fleischesser können Leid und Tod jeden Tag sehen. Menschen und Tiere leben enger zusammen als in Deutschland. Kühe werden lebend durch die Straßen und über den Markt zum Schlachter getrieben, Hühner in Körben oder als straußartigen Bündel umhergetragen, um ihnen dann direkt am Verwendungsort den Hals umzudrehen. In Mwanza ist der Anblick von ganzen Fischen in Armlänge alltäglich. In Schlachtereien haben die zu kaufenden Tierstücke ein Format, das noch auf die ursprüngliche Form schließen lässt. In Tansania ist die Verbindung von Tierleben und Fleischendprodukt im Alltag deutlich erkennbar.

Wohl deswegen hatten die TansanierInnen, mit denen ich gesprochen habe, keinen Zweifel an der Empfindungsfähigkeit (von z.B. Glück und Leid) und dem Bewusstsein von Tieren. Fleisch essen sie trotzdem.

Manche können ihren Glauben als Rechtfertigung angeben. Andere verhalten sich wie allgemein anerkannt oder schätzen ihren Genuss höher als Tierleben - ebenso wie viele Deutsche.
Jene werden jedoch nicht durch die Alltäglichkeit des Tötens abgestumpft.

In Tansania erschließen Tiere mitunter Energiequellen, die Nutzpflanzen nicht zugänglich sind (z.B. Hühner die im Staub picken); in diesem Falle ist das Fleischessen ökonomisch sinnvoll. // --> // -->

Zurück zu „Sili wanyama.": In Tansania lässt sich sehr gut als Vegetarier (und wenn man schon dabei ist, auch gleich als Veganer) leben. Tierprodukte sind selten mehr als eine ergänzende Beilage, ein paar Bohnen oder Blättergemüse gibt es immer und wenn Gastgeber rechtzeitig von abweichenden Essgewohnheiten erfahren, gibt es auch hier kein Problem (so wie z.B. mit dem Rinderzüchter, der Hendrik und mich auf seine Farm eingeladen hat...).

In Tansania leben ca.120 verschiedene Ethnien, Stämme. AnhängerInnen von Christentum, Islam und „Naturreligionen" leben miteinander. Friedliche Toleranz ist für viele TansanierInnen das bedeutendste Merkmal ihrer Gesellschaft. Auch wenn diese Toleranz Grenzen hat (z.B. vor den Rechte von Homosexuellen) so ist zwar Vegetarismus für viele nicht nachvollziehbar und irgendwie seltsam, in der Allgegenwart der Unterschiede dann aber doch wieder völlig normal.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 19. Mai 2008 um 20:29 Uhr
 

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