weltwärts Sansibar: Einen Monat im Dunkeln
Sansibar: Einen Monat im Dunkeln Drucken

Stonetown, Zanzibar, 21.05.2008, 22:47 Uhr Ortszeit

Es ist Halbzeit im Championsleagefinale zwischen den britischen Fußballclubs Chelsea London und Manchester United. Für alle Fußballbegeisterten unter den eine Million Sansibaris ist dieses Spiel eine riesige Attraktion. Wer keinen Fernseher zu Hause hat, geht zum Public Viewing oder lässt sich beim Nachbarn im Wohnzimmer nieder. Doch in der Halbzeit des Spiels wird es auf der gesamten Insel sowie auf dem Festland Tansanias auf einmal schlagartig dunkel. Stromausfall!

Seit 1983 bekommt Unguja, die bevölkerungsreichste Insel Sansibars, ihren Strom von dem größten Wasserkraftwerk Tansanias in Kidatu. Von dort wird eine durchschnittliche Strommenge von 40 Megawatt über ein Seekabel bis nach Sansibar transportiert. Stromausfälle gehören zum Alltag in Tansania, doch meist hält sich deren Dauer in Grenzen. Am Morgen nach dem Finale stellt sich allerdings heraus, dass dieser Ausfall von anderem Ausmaß sein wird. Durch batteriebetriebene Radios wird bekanntgegeben, dass nach der Wiederherstellung der Elektrizitätsversorgung auf dem Festland auf sansibarischer Seite ernstzunehmende Probleme aufgetreten sind.

Durch die Wiederherstellung der Stromversorgung des Festlands wurden einige Haupttransformatoren auf Sansibar durch zu hohe Spannungsschwankungen schwer beschädigt. Nach einigen Tagen Warten werden erste vage Auskünfte über die mögliche Dauer des Ausfalls gegeben. Von offizieller Seite heißt es, dass es sich mindestens um vier Wochen handeln werde.

Bereits am ersten Tag machen sich die Auswirkungen des Stromausfalls bemerkbar. Als größtes Problem stellt sich die öffentliche Wasserversorgung heraus. Normalerweise wird das Wasser mit großen Pumpen über die ganze Insel verteilt. Doch da diese nun nicht mehr mit Strom versorgt werden, ist in den ersten Tagen Wasser auf der vorwiegend islamisch geprägten Insel fast nur an den Moscheen zu bekommen. Dort finden sich nun große Menschenansammlungen mit Eimern in allen Regenbogenfarben. Das Problem kann erst gelöst werden, nachdem die Regierung mit UN-Hilfe am vierten Tag große Dieselgeneratoren an die Wasserversorgung anschließt.

Am stärksten vom Stromausfall betroffen ist jedoch die Tourismusbranche. Hotels, die sich einen Generator leisten können, geben täglich bis zu 20 Prozent ihrer Gesamtausgaben für Diesel aus. Viele kleine Hotels oder Läden können sich diese Extrakosten nicht leisten und bleiben deshalb im Dunkeln sitzen.

Auch der Flughafen Sansibars muss während des Ausfalls auf Nachtlandungen und -starts verzichten, da er keinen Generator besitzt. Die Sicherheitskontrollen ziehen sich länger hin, da die elektronischen Überwachungsgeräte ausgefallen sind.

Der Durchschnittsbürger Sansibars sitzt abends bei Kerzenschein mit der Familie zusammen und geht früher ins Bett als sonst. Täglich hört man die Nachricht, dass Häuser aufgrund umgefallener Kerzen in Brand geraten sind.

Die historische Stonetown mit ihren engen Gassen ist trotz der Dunkelheit bis spät abends sehr belebt und entgegen vieler Warnungen nicht weniger friedlich als zuvor.

Es gibt jedoch nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner des Stromausfalls: Geschäfte werden in dieser Zeit vor allem mit Kerzen und Dieselgeneratoren gemacht. Viele der Generatoren halten jedoch nicht, was die Verkäufer ihren Kunden versprechen, und gehen nach wenigen Tagen bzw. Stunden kaputt. Daher arbeiten die Autowerkstätten bis spät in die Nacht an der Reperatur der Generatoren.

Wer noch sehr vom Stromausfall profitiert, ist die Solarbranche, darunter die NGO ZASEA (Zanzibar Solar Energy Association). ZASEA ist eine unabhängige Zweigstelle der Tanzania Solar Energy Association (TASEA) für die Inseln Unguja und Pemba (zusammen: Sansibar). Die Organisation wurde im April 2006 als NGO registriert und ging aus dem Projekt "Solarlampenwerkstatt in der Schule Kizimkazi Mkunguni" der Deutsch-Tansanischen Partnerschaft e.V. hervor. Ziel der NGO ist es, von einem zentral gelegenen Ort aus durch Awareness Creation, Trainings, Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit die Förderung der Erneuerbaren Energien fortsetzen zu können. Während des Stromausfalls wird das Büro von ZASEA stark frequentiert. Den ganzen Tag über kommen Kunden in das Office, um sich über Solarenergie zu informieren und um gegebenfalls ein System zu bestellen, das daraufhin von den Technikern der NGO installiert wird.

Normalerweise zählen eher Menschen aus den Dörfern Sansibars zum Kundenkreis ZASEAs.Doch aufgrund der immer häufiger auftretenden Stromausfälle suchen nun auch die Städter nach einer alternativen und vor allem verlässlicheren Stromversorgung.

18.06.2008, 11:36 Uhr Ortszeit

Nach genau vier Wochen kehrt der Strom zurück. Die Menschen laufen mit einem Lächeln auf dem Gesicht durch die Straßen und schnell nimmt das Leben wieder seinen alltäglichen Lauf. Die Generatoren verstummen, die Kühlschränke füllen sich und die Autowerkstätten widmen sich nun wieder vornehmlich den Autos. Was nach der Rückkehr des Stroms bleibt, ist vor allem großer Frust auf die derzeitige Regierung Sansibars, die keinerlei Notfallversorgung vorbereitet hatte. Daher hört man nun zumindest von Seiten einiger Regierungsverantwortlicher Überlegungen hinsichtlich einer autonomen Stromversorgung Sansibars. Ob es dazu kommt, ist allerdings fraglich: Vor Kurzem wurden von Seiten der USA Entwicklungshilfegelder für eine Erneuerung des gealterten Seekabels angekündigt.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 17. Juni 2010 um 09:31 Uhr
 

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