weltwärts „Wenn du einen Traum hast, geh nach Afrika“
„Wenn du einen Traum hast, geh nach Afrika“ Drucken

Entwicklungszusammenarbeit ist schon länger ein Streitthema. Manche afrikanischen Intellektuellen, beispielsweise der kenianische Wirtschaftsexperte James Shikwati, fordern ein sofortiges Einstellen jeglicher Entwicklungshilfe, weil diese Afrika angeblich nur immer tiefer in die Abhängigkeit führe. Währenddessen plädieren zahlreiche Hilfsorganisationen und der irische Sänger Bono für eine drastische Erhöhung der Gelder. Wer hat nun Recht, und warum?

Ich müsste es eigentlich wissen. Schon zehn Monate lang mache ich, Lisa Bendiek, neunzehn, mittlerweile ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) in Dar es Salaam, Tansania. Dar es Salaam ist die größte Stadt Tansanias, und Tansania, in Ostafrika zwischen Kenia und Mosambik liegend, gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Nahezu die Hälfte des tansanischen Staatshaushalts stammt aus Entwicklungshilfemitteln. Das ist seit Jahrzehnten so, und die finanzielle Situation Tansanias hat sich durch all die Spenden kaum gebessert. Woran liegt das?

Ich müsste es eigentlich wissen, das glaubt zumindest einer meiner politisch interessierten Freunde in Deutschland. In seiner letzten E-Mail stellte er mir beiläufig folgende Fragen: „Wie siehst du das denn eigentlich? Budgethilfe, Hilfe zur Selbsthilfe, Entwicklungsgelder allgemein oder doch nur freier Markt? Welchen Eindruck hast du jetzt, wo du die Umstände kennst und die tansanische Seele ein wenig erkunden konntest? Liegt es an der Einstellung „der Afrikaner“, an unseren Zollschranken oder doch am „westlichen Imperialismus“ unter dem Deckmäntelchen der liberalen Handels- und Wohlstandstheorien?“

Diese Fragen ließen mir keine Ruhe. Es war ja nicht so, dass ich in den vielen Monaten, die ich hier verbracht habe, noch nie darüber nachgedacht hatte. Das Problem war vielmehr, dass ich mir eingestehen musste: Ich habe keine Antworten gefunden.

Ich habe mich nicht nur dafür entschieden, zwischen Abitur und Studium ein Jahr in Tansania zu verbringen, weil ich eine andere Kultur erfahren, eine neue Sprache lernen und meinen Horizont erweitern wollte. Wären das meine einzigen Motive gewesen, hätte ich auch auf Weltreise gehen können. Ich wollte eben nicht nur beobachten und lernen, ich wollte nicht nur mich selbst verändern, sondern auch meine Umwelt. Oder zumindest einen kleinen Teil davon, die Erneuerbare Energieversorgung in Tansania.

Während ich also nun hier lebe und Tag für Tag versuche, meinen eigenen Anforderungen zu entsprechen, während ich tansanischen Schulkindern den Klimawandel erkläre, im Radio auf Kiswahili über Solarenergie rede und meinem UnterstützerInnenkreis in Deutschland regelmäßig über meine Erfahrungen berichte, kann ich auch andere AkteurInnen der Entwicklungszusammenarbeit beobachten.

Und je länger ich hingucke, desto mehr Probleme sehe ich.

Kurzfristiger Erfolgsdruck

Viele Entwicklungsprojekte sind auf kurzfristigen Erfolg ausgelegt. Dafür lassen sich am besten Spenden einwerben, die Spendenden wollen schließlich Ergebnisse sehen, und das nicht erst nach zehn Jahren. Auch lokale Akteure, z.B. NGOs, die ihre Gelder aus Europa beziehen, stehen so unter dem Druck, möglichst schnell handfeste Erfolge vorweisen zu können. Zu diesem Zweck greifen sie manchmal zu zweifelhaften Methoden. Beispielsweise ist es in manchen Gegenden üblich, Leuten Geld dafür zu zahlen, dass sie an einem von einer NGO angebotenen Bildungsprogramm teilnehmen. Wenn es diesen finanziellen Anreiz nicht gäbe, würden weit weniger TeilnehmerInnen kommen, die NGO könnte ihre Mengenvorgaben nicht erfüllen („Wir haben 50 Menschen in der Kagera-Region über Erneuerbare Energien weitergebildet“). Und bekäme deshalb für ihr nächstes Projekt kein Geld mehr. Natürlich ist die Kehrseite dieser Praxis, dass viele Teilnehmende nur um des Geldes willen kommen und von den vermittelten Inhalten so gut wie nichts mitnehmen. Manche nennen als Ursache der Missstände dann „die afrikanische Nehmermentalität“.

Starre Rollenbilder

Doch wer so argumentiert, macht sich die Sache zu einfach. Die meisten Leute, die wenig Geld haben, nehmen gerne die Gelegenheit wahr, ohne große Mühe viel Geld zu verdienen. Das ist nichts typisch Afrikanisches. Was allerdings die tansanische Mentalität und Kultur von vielen europäischen unterscheidet, ist die starke Hierarchisierung der Gesellschaft. Männer spielen eine andere Rolle als Frauen, Alte eine andere als Junge, Arme eine andere als Reiche. Diese Unterschiede bestehen in jedem Land der Welt mehr oder weniger stark, doch in den meisten europäischen Ländern gelten sie als ein Missstand, der behoben werden muss. In Tansania dagegen habe ich selten die Forderung nach Nivellierung der sozialen Unterschiede gehört. Stattdessen fordern die Armen nur, vom Geld der Reichen (z.B. von wohlhabenden Verwandten) einen winzigen Teil abzubekommen, der ihr Überleben sichert. Dass weiterhin riesige Unterschiede hinsichtlich Bildung, Macht und Geld bestehen, ist einfach normal.

Genauso normal ist es, dass Weiße mehr Geld haben als die Schwarze. Und gebildeter sind sie noch dazu. „Ihr Deutschen seid so klug, klüger als wir in Tansania.“ Diesen Satz habe ich an die hundertmal gehört. Denn alles, was die Menschen in Tansania von den Deutschen sehen, sind ExpertInnen in dicken Jeeps, die mit viel Geld riesige Entwicklungsprogramme starten, und TouristInnen, die im Taxi zu teuren Hotels fahren. Dass es in Deutschland auch Menschen gibt, die sich keinen Flug nach Tansania leisten können, die kein Wort Englisch sprechen oder die unter Brücken schlafen – woher sollen TansanierInnen das wissen? In ihrer Welt sind alle Weißen reich und klug. Zu Recht stellen sich also viele Einheimische die Frage: Wie soll ich mit den Weißen mithalten? Die meisten TansanierInnen haben nicht das Selbstbewusstsein, eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Sie sind so sehr daran gewöhnt, dass die Weißen immer alles besser wissen.

Insofern stellen die tansanischen Hierarchisierungstendenzen und das unrealistische Bild von Weißen ein Hindernis für die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Eigeninitiative auf tansanischer Seite dar. Folglich bleiben viele TansanierInnen im Rahmen internationaler Projekte eher passiv, was von europäischer Seite dann als „typisch afrikanische Nehmermentalität“ interpretiert werden kann.

Die „richtige“ Zielsetzung

Solche kulturellen Unterschiede, die kleinen Stolpersteine der interkulturellen Kommunikation, können zu unüberwindlichen Bergen anwachsen, wenn man sie nicht frühzeitig aus dem Weg räumt. Doch die Kultur der „anderen“ ist nicht das einzige Problem, mit denen AkteurInnen der Entwicklungszusammenarbeit konfrontiert sind. Auch ihre eigene Motivation, die Ansprüche, die sie an ihre Arbeit stellen, bergen Risiken.

Die europäischen Entwicklungshelfenden, die nach Afrika reisen, um den Kontinent auf Vordermann zu bringen, weilen selten mehr als fünf Jahre lang in demselben Land. Und natürlich möchten sie in dieser Zeit schnell etwas bewegen, etwas erschaffen, das bleibt, wenn sie wieder weg sind. Wie sonst könnten sie ihre Arbeit hier vor sich selbst rechtfertigen? Diese Art von Zeitdruck, die aus dem Selbstbild der Handelnden erwächst, kann die Nachhaltigkeit der Entwicklungsprojekte ebenfalls beinträchtigen.

Und dann gibt es noch diese wohlmeinenden Individuen, die in Eigenregie die Welt verbessern wollen. Die, die einen Traum haben und in Afrika die Bedingungen vorfinden, unter denen sie ihn verwirklichen können.

„Hier ist alles so einfach“, sagte mir einmal ein deutscher Freund, den ich in Dar kennengelernt habe. „Sobald du aus Europa kommst und ein bisschen Geld mitbringst, kannst du machen, was du immer schon wolltest. Niemand stellt sich dir in den Weg, wenn du eine Schule bauen oder einen Brunnen graben willst. Also wenn du einen Traum hast, komm nach Afrika. Hier kannst du Gutes tun, soviel du willst.“

Wie nachhaltig solche Projekte dann sind, steht auf einem anderen Blatt. Es besteht die Gefahr, dass man sich als EuropäerIn in Afrika ein Denkmal errichtet, das gut aussieht, das aber letztendlich außer einem selbst niemand braucht. In dem Fall ist Entwicklungshilfe nichts weiter als ein altruistisch kaschierter Selbstverwirklichungsversuch.

So baut man also den Brunnen, die Schule, das Frauenzentrum. Feiert eine große Einweihung, macht viele Fotos für die Zeitungen zu Hause. Dann gehen die Weißen wieder, und die Einheimischen stehen ratlos vor den Neubauten. Niemand benutzt den Brunnen, weil er nicht im Dorfzentrum steht, und außerdem ist er nach einem Jahr schon wieder kaputt. Der Schule fehlen die LehrerInnen, und die Frauen des Dorfes treffen sich lieber beim Waschen am Fluss als in dem modernen Betonklotz.

Parallelgesellschaften

Solche Fehlinvestitionen kommen unter anderem durch Zeitdruck, kulturell bedingte Missverständnisse und egoistische Zielsetzungen der „Helfenden“ zustande – und durch fehlende Kenntnis der Kultur vor Ort.

Insbesondere professionelle Entwicklungshelfende leben oft in ihrer eigenen Welt, in der es DSL-Anschlüsse und Waschmaschinen gibt, sie essen Käsevollkornbrot hinter stacheldrahtgekrönten Mauern. Viele fahren im dicken Landrover zu Treffen mit tansanischen Intellektuellen, Regierungsmitgliedern und EntwicklungsakteurInnen aus anderen europäischen Ländern. Und manche wären überfordert damit, in einer tansanischen Straßenkneipe Reis mit Bohnen zu bestellen.

In diesem Zusammenhang ist das vom deutschen Feuilleton ausgebuhte Wort „Parallelgesellschaft“ ausnahmsweise einmal angebracht. Und wie das bei Parallelgesellschaften so ist, kennzeichnet es ihre Mitglieder, dass sie sehr wenig über die Kultur der ihnen fremden Mehrheitsgesellschaft wissen.

Weil viele Entwicklungshelfenden (natürlich nicht alle...) in einer weißen, gebildeten Parallelgesellschaft leben, können sie keine Problemlösungen entwickeln, die auf die afrikanische Mehrheitsgesellschaft zugeschnitten sind. Dumm nur, dass genau das ihr eigentlicher Job wäre.

So oder ähnlich versickern jedes Jahr eine Menge Spendengelder wie ein Rinnsal in der roten Erde Afrikas.

Afrika als Projektionsfläche

Die rote Erde Afrikas... das ist eine dieser zahlreichen Assoziationen, die viele EuropäerInnen bei der Erwähnung des Kontinents Afrika befällt. Ein paar andere sind AIDS, Malaria, Hunger und Bürgerkrieg. Aber die rote Erde gehört nicht in die Reihe dieser Themen, deren RepräsentantInnen uns von Misereor-Plakatwänden aus vorwurfsvoll anblicken. Die rote Erde fällt in eine andere Afrika-Kategorie, in jene, in der sich auch Löwen, Sahara-Sonnenuntergänge, Maasai-Krieger, Wunderheiler, exotische Schönheiten und tapfere weiße Abenteurer tummeln.

Darüber kann man schon mal vergessen, was Afrika ist: ein riesiger, finanziell armer, dünn besiedelter und unglaublich vielfältiger Kontinent südlich von Europa. Denn vielen EuropäerInnen dient Afrika vor allem als romantisch-wilde Projektionsfläche für ihre eigenen (nicht afrikanischen) Sehnsüchte. Afrika ist in uns, ein bisschen so wie das Unterbewusstsein. Man kann es nicht erklären, man weiß einfach, dass es da ist, dass es diesen stolzen Maasai gibt, der, von Löwen umzingelt, im Sonnenuntergang auf uns wartet.

Was liegt da näher, als der Sehnsucht zu folgen und den Maasai-Kindern eine löwenfreie Schule zu bauen?

Zu viele EuropäerInnen handeln so, folgen ihren (scheinbar) guten Absichten und machen das, was sie mit ihrem europäischen Hintergrund für richtig halten. Ohne zu fragen, welche Probleme die Einheimischen selbst für dringend halten, und welche afrikanischen Lösungsansätze es schon gibt.

Lösungsansätze

Eine Patentlösung für all diese Missstände gibt es nicht. Die einzige Idee, die ich habe, lautet: mehr Bescheidenheit. Vielleicht hast du studiert, kannst besser Englisch und bist mehr rumgekommen als die AfrikanerInnen, deren Lebensumstände du verbessern willst. Aber das heißt noch lange nicht, dass du sie verstehst, geschweige denn, dass du etwas besser weißt. Anstatt ihr Leben nach deinen Maßstäben umzukrempeln, solltest du lernen, was ihr Leben ausmacht.

Meine Bitte lautet deswegen: Geh nicht nach Afrika, um zu helfen oder zu lehren. Geh in erster Linie hin, um zu lernen. Dazu brauchst du Geduld. Geduld, die Sprache zu lernen, dich in die Kultur einzufühlen, dich an auch Dinge zu gewöhnen, die dir ineffektiv, ungerecht oder unzivilisiert vorkommen. Wenn dein Gegenüber dir sagt, alle Taschendiebe müsse man totprügeln, dann wende dich nicht entsetzt ab, sondern lass dich auf die Diskussion ein. Und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder.

Wenn du dich so sehr angepasst hast, dass du innerhalb des fremden Kulturkreises akzeptiert wirst, dann kannst du anfangen zu handeln. Möglichst nicht im Alleingang, sondern zusammen mit AfrikanerInnen – auch hier gibt es qualifizierte Arbeitskräfte, Politikwissenschaftlerinnen und Computerexperten. Versuch am besten, keine Führungsrolle einzunehmen, sondern zu beobachten und zu unterstützen. Wenn du bemerkst, dass es auch ohne dich laufen würde, wenn du dich selbst überflüssig fühlst, dann warst du erfolgreich. Akzeptier es, freu dich und geh nach Hause.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 12. September 2008 um 19:28 Uhr
 

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