weltwärts Von Gottesgnadentum, Erichs Playmobil und anderen Anachronismen
Von Gottesgnadentum, Erichs Playmobil und anderen Anachronismen Drucken

Wie viele andere Länder des Afrikanischen Kontinentes, wurde auch Sansibar gegen Ende des 19. Jahrhunderts kolonisiert. Da sich Deutschland, die Kolonialmacht des nahegelegen Festlandes eher für Felsige Nordseeinseln zu interessieren schien, fiel das Sultanat im Indischen Ozean, welches einst weite Teile Ostafrikas kontrollierte, nun an Großbritannien. Im Empire war es üblich, dass landeseigene Oberschichten, die ihrerseits auf die Briten als Schutzmacht zählen konnten, die Verwaltung eines Gebietes, das unter Londons Oberherrschaft stand, weiterführten. Der Sultan und seine Familie herrschten nominell weiter über etwa eine halbe Million Untertanen.

Auf diese Weise gelang es die noch aus dem Mittelalter stammenden Herrschaftsverhältnisse in die Neuzeit, gar in noch erlebte Zeit zu retten. Als die Inseln Unguja und Pemba am 10. Dezember 1963 ihre Unabhängigkeit erhielten, taten sie dies als Sultanat, dessen Herrschaftstitel erblich weitergegeben werden sollte. Zu einer Thronfolge kam es nie. Kaum waren die Engländer auf ihren Booten hinter dem Horizont verschwunden, wetzte die schwarzafrikanische Mehrheitsbevölkerung, viele von ihnen waren Nachfahren von Sklaven, die Messer. Bereits am 12. Januar 1964, nach genau einem Monat und zwei Tagen Monarchie, kam es zu einem Staatsstreich und einem Massaker an der arabischen, persischen und indischen Bevölkerung, die die verhasste Elite darstellte. Geschätzte 500 bis 4.000 Menschen fielen ihm zum Opfer. Viele Araber, die nicht umgebracht wurden, steckte man anschließend in viel zu großen Gruppen, mit viel zu wenig Wasser in viel zu kleine, nicht wirklich hochseetaugliche Dhaus. Das Ziel hieß: Persischer Golf!

Glücklicherweise hatten die Briten ein Einsehen und fischten hinter dem Horizont, so weit waren sie ja in 33 Tagen noch nicht gekommen, viele Vertriebene auf.

Die Putschisten, eine Gruppe von etwa 600 Mann, wurden angeführt vom damals 32-jährigen selbsternannten „Feldmarschall“ John Okello. Einige von ihnen waren im sozialistischen Ausland ausgebildet worden. Außerdem hatten ihre Maschinenpistolen Gebrauchsanweisungen auf Tschechisch. Verstanden wie man sie bedient müssen die Revolutionäre wohl auch ohne sie. Ob Tschechisch oder nicht, zu dieser Zeit waren fast alle Schwarzafrikaner auf der Insel Analphabeten. Nach der Flucht des Sultans wurde schließlich die Volksrepublik Sansibar ausgerufen. An der Spitze stand Abeid Karume, der erste Präsident, der als Vorsitzender der Afro-Shirazi Party (ASP) zum Staatschef erklärt wurde.Plattenbauten in Zanzibars Stone Town

Die neue Regierung lehnte sich in Erwartung großzügiger Hilfe zur Errichtung einer neuen, besseren Gesellschaft schnell an den Ostblock an. Die Hilfe kam. Mit der neuen Ideologie kamen auch ostdeutsche Polizeiausbilder, tschechische Ingenieure, ungarische Architekten und sowjetische Waffen. Die Moderne, die Realität des Kalten Krieges, hatte nun auch das paradiesische Sansibar erreicht. Von diversen sozialistischen Bruderstaaten wurden Lehrer ausgebildet, Schulen gebaut, Krankenhäuser betrieben, Straßen ausgebaut und Plattenbauten, wie sie auch in Berlin-Marzahn zu finden wären, errichtet. Hier trifft das etwas abgedroschen klingende Sprichwort: „Im Sozialismus war nicht alles schlecht“ einmal zu:

Binnen kurzer Zeit wurde die Alphabetisierungsrate erheblich erhöht. Es wurde ein Gesundheitssystem eingeführt und sogar etwas, das entfernt an ein Rentensystem erinnert. Natürlich wirtschaftete die Führung des Landes auch in die eigenen Taschen und auch die paranoide Überwachung aller Bürger wurde nach dem Vorbild des Ostblocks angestrebt. Aber für die (verbliebene) Bevölkerung hatte sich die Situation soweit verbessert, dass sie diese Umstände nicht weiter störten.

Auch die baldige Fusion mit dem ebenfalls unabhängig gewordenen Tanganjika zur Bundesrepublik Tansania, einem Staatengebilde, welches viele Sansibaris eher als Staatenbund denn als Bundesstaat sehen, änderte an dem deutlich sozialistischeren Kurs der Inselregierung verglichen mit dem „afrikanischen Sozialismus“, der auf dem Festland praktiziert wurde, wenig.

Vom endgültigen Sieg des Sozialismus über die Dekadenz des Westens überzeugt entwickelte sich Staatschef Karume immer mehr zum Autokraten. So musste in allen Geschäften und Wohnhäusern ein Foto von ihm hängen. Er deklarierte Afrikaner seien „Malariaresistent“. Sansibar sollte autark werden und konnte daher nicht auf Arzneimittelimporte angewiesen sein. Die Folge war ein starker Anstieg der Todesfälle durch die Krankheit.

Sein Ende kam 1972. Karume wurde von einem Armeeoffizier erschossen. Er hinterließ vier Witwen persischer Abstammung, die er mit seinem Programm der Zwangsrassenmischung zur Heirat gezwungen hatte. Doch nicht alle seine Ideen starben mit ihm.

Obwohl der Ostblock nicht mehr existiert und Sozialismus allenfalls noch belächelt wird, herrscht heute noch das „Revolutionary Government“ von Sansibar, Staatschef ist nun Amani Karume, der Sohn des ersten Präsidenten. Wen das jetzt aber an solche „Chaosstaaten“ wie Nordkorea, Syrien oder gar die USA erinnert, der hat etwas missverstanden.

Anders als etwa Nordkorea, das sich bis heute weigert den Lauf der Geschichte anzuerkennen, ist Sansibar durchaus in dieser Zeit angekommen. Der Tourismus ist mittlerweile die wichtigste Einnahmequelle, Das Land ist offen für Reisende. Sogar der westliche Entwicklungshilfezirkus und andere Investoren haben die schönen Strände der Insel schon entdeckt.

Aber einiges scheint in der Tat einfach vergessen worden zu sein. So dürfen etwa die ortsüblichen Kleinbusse nicht an einer Polizeistation vorbeifahren, ohne von einem Polizisten durch gewunken worden zu sein. Es kann also passieren, dass ein vollbesetzter Bus auf einer Landstraße mal fünf Minuten warten muss, bis die Polizisten ihr Kartenspiel beendet und Zeit zum Durchwinken haben. Auch die Plattenbauten stehen nun etwas verloren herum, wie stumme Zeugen der Geschichte und der Ideen, die um sie herum stattgefunden hat und die in ihnen gedacht wurden. Die Geschichte ihrerseits scheint diese Bauten vergessen zu haben. Fast wie ein Mahnmal ragen die gewaltigen Betonklötze, in denen wie eh und je gelebt wird, in den Himmel Sansibars und erinnern daran, was vor noch nicht einmal fünfzig Jahren als Fortschritt galt und als Heilmittel für die Not der Menschen gehalten wurde.

Heute hingegen wird wieder in den Erhalt der historischen arabischen Innenstadt, die vor kurzem sogar zum Weltkulturerbe erklärt wurde, investiert, um mehr westliche Touristen anzulocken, die Devisen in das Land bringen. Auch ist noch lange nicht alles Arabische verschwunden, unter älteren Menschen ist sogar die Sprache noch recht verbreitet. Die Handwerks- und Bootsbaukunst stammen auch noch größtenteils aus den Tagen des Sultans.

Um diese Inselgruppe hat sich die Geschichte also in nicht einmal drei Generationen um 360 Grad gedreht. Erst eine Kehrtwende vom mittelalterlich anmutenden Feudalstaat zum Ostblockkommunismus. Schließlich eine zweite, etwas schleichende Wende vom Sozialismus zu so einer Art de-facto Marktwirtschaft aus Notwendigkeit. Nicht wenige Menschen haben alle Umschwünge miterlebt. Bei jeder Wende dreht sich aber nicht alles mit und so bleiben immer Überreste des Alten erhalten. Solche Überreste werden in der Zeit, in der sie ohne eigenes Zutun einfach gelandet zu sein scheinen, immer von einer Aura des Vergessenen umgeben. Mag es noch so anachronistisch anmuten, ist es dennoch immer wieder ein Vergnügen und etwas Besonderes, förmlich über Erinnerungen an eine solch bewegte Vergangenheit zu stolpern, egal wo man hintritt.

Wer aber im Herzen ein wahrer Revolutionär geblieben ist, der schreckt auch vor einer weiteren, zukünftigen Wende nicht zurück, die dieses Mal aber hoffentlich nur an Wahlurnen ausgefochten wird. Die Regierungspartei Tansanias, die seit über 40 Jahren unangefochten herrscht, sieht sich einzig auf Sansibar einer wirklichen Opposition gegenüber. Die Wahlen, die 2010 stattfinden werden, sind eine echte Bewährungsprobe für Sansibars Regierung. Hoffentlich geht sie ausnahmsweise dieses Mal mit der Zeit und akzeptiert das Ergebnis, vorausgesetzt es ist frei und fair zustande gekommen, unabhängig vom Ausgang.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 10. November 2008 um 13:17 Uhr
 

DTP Newsletter

Einkaufen und Spenden

Unterstütze uns mit
jedem Online-Kauf
ohne Extrakosten
mehr erfahren...

Jetzt spenden!

100% für Projekte!