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Ich möchte in diesem Newsletter einfach einmal von den vielen kleinen und großen Dingen des Alltags erzählen, über die man sich aus europäischer Sicht wundert, darüber schmunzelt, sich vielleicht gar an den Kopf fasst oder ärgert:

Fast überall hier auf Sansibar beginnt der Tag mit einem öffentlichen Weckdienst: dem Muezzin. Zum ersten Mal gegen 5.15 am frühen Morgen, ruft er zum Morgengebet in die Moschee. Da der Mensch ja ein adaptives Wesen ist, wacht man nach der ersten Woche erst zum schrillen Klingelton des Handys auf und „überhört“ die Morgengesänge...
Morgens aufgewacht gibt es zwei Stadien des Wohlbefindens. Der Wohlfühlfaktor hängt in direktem Zusammenhang mit Strom, falls überhaupt vorhanden. Lief der Ventilator heute Nacht oder nicht? Falls er es nicht tat, ist die Gefahr groß schweißgebadet zu sein, sodass nur eine Dusche hilft. In meinem Fall heißt das, trotz neuem Bad samt installierter Dusche, Wässern aus einem Eimer. Warmes Wasser gibt es sowieso nicht, außer der Wassertank (quasi eine große Regentonne) stand halb leer den ganzen Tag in der prallen Sonne, sodass sich das Wasser ein wenig aufheizen konnte.
Zum Frühstück gibt es keine Brötchen, denn Bäcker tun sich rar. Es gibt standardisiertes Einheitsweißbrot in zwei Größen. Kostenpunkt etwa 10 Cent. Dazu gibt’s frisches Obst, Margarine, Honig. Eigentlich gar nicht schlecht. Allerdings fehlt die morgendliche Zeitung und Post im Briefkasten. Diese wird zwei Mal die Wochen am zentralen Postamt in der Stadt abgeholt. Wie sollte die Post auch überstellt werden, wenn es weder Straßen, noch Straßennamen noch Hausnummern gibt? Die Zufahrt zu meinem jetzigen Wohnhaus ist eine Buckelpiste, die bei Regen massive Schlammlöcher aufweist und mit normalen Autos kaum noch befahrbar ist.
Der Weg zur Arbeit gestaltet sich eigentlich recht ähnlich gegenüber dem in Deutschland. Fünf Minuten zur Bushaltestelle laufen, Minibus nehmen und in die Stadt rauschen. Die fünf Minuten Fußweg führen mich durch ein Neubaugebiet, vorbei an einer Koranschule für die Kinder im Kindergartenalter. Entweder tollen diese dort herum, oder ich höre einen Chorus, der mir nicht verständliche Phrasen nachtönt. An der Bushaltestelle angelangt, warte ich auf einen der Minibusse um in die Stadt zu kommen. Einen Fahrplan gibt es nicht. Die Sitze sind etwa halb so groß wie die der Busse und Bahnen in Deutschland, dementsprechend kuschelig ist es für die folgenden 20 Minuten. Ab und an ergeben sich nette Unterhaltungen mit den Mitfahrern oder gar Heiratsangebote. Einen Blick auf die Reifen dieser Busse unterlasse ich lieber. Ich würde wahrscheinlich selten einsteigen. Tacho und Licht sind auch oft kaputt. Das nötige Gottvertrauen kommt aber bald, oder weicht dem Abenteuer. No-risk-no-fun. Ein Reifenwechsel auf der Fahrt ist alltäglich und geht flink von statten. Übung macht den Meister.
Im alltäglichen Stadttrubel, wo Touristen und weiße Inselbewohner zu einem weißen Block verschwimmen, wird man dann auch oft von mehr oder weniger ehrlichen Leuten angesprochen, die dir ihre Dienste oder Waren anbieten wollen. Bei manchen der drogenabhängigen Jambo-Jambo-CD-Verkäufern (die penetranteste Art unter ihnen) ist bei mir dann auch ab und an eine Hemmschwelle erreicht, dass ich diese penetranten Jungs nicht mehr ausstehen kann und auf ihre Tour zurück schieße und ihnen Solarsysteme oder so verkaufen will. Dies hat schon zu manch einer lustigen oder komischen Situation geführt. Einzelheiten erspare ich Ihnen.
Verübeln kann ich diesen Menschen ihre Art leider auch nicht. Es ist gut nachvollziehbar, dass jeder ein Geschäft mit den vielen Touristen wittert, über die ich mich genauso auslassen könnte. Angefangen bei absolut unangepasster Kleidung, bzw. weg gelassener Kleidung, über ein Verhalten, dass zum Teil menschenverachtend und oftmals zumindest kulturverachtend und respektlos ist. Sansibar ist nun mal nicht Mallorca oder die Costa Brava.
Neben diesen Erfahrungen gibt es aber natürlich auch die netten Schwätzchen mit den benachbarten Ladenbesitzern, meinen Freunden oder meinem Chef Said.


FahrradtransportEine der größten Absurditäten auf dieser Insel dreht sich aber um den Schiffsverkehr. Ein Großteil der Waren vom Festland kommt mit kleinen Fähren hier an. Da es auf Sansibar keine Rampe gibt, landen diese am Strand, direkt neben der Strandkneipe, in welcher ich den Kontakt zur Außenwelt halte. Unter großem Gejohle und Gejaule werden dann immer die Autos auf und abgeladen, die regelmäßig im Sand versacken. Es wird gehupt und getutet was das Zeug hält, irgendwie schaffen es dann aber doch immer alle. Die andere Absurdität ereignet sich, wenn man ein Fährticket nach Dar es Salaam kaufen möchte. Dann kann man sicher sein, dass sich mindestens fünf Mittelsmänner wie Geier auf einen stürzen und einen zum jeweiligen Schalter der verschiedenen Fährgesellschaften ziehen wollen. Nur ein souveränes, abwimmelndes, leicht unfreundliches und bestimmtes Auftreten hilft hier weiter. Ist man einmal auf dem Schiff hat man das Gröbste hinter sich und seine Ruhe. Nach der Ankunft warten dann nur noch einmal die Taxifahrer, die einem das Gepäck förmlich aus der Hand nehmen und ins Auto verfrachten.

Ein für das europäische Auge ungewöhnliches Bild gibt auch der hiesige Straßenverkehr ab. Nicht nur Autos, Motorroller und Fahrräder bevölkern und verstopfen hier die Straßen, sondern auch Ochsenkarren, beladen mit Baumaterialien, Kühlschränken oder Sonstigem, Eselskarren, die von ihren Fahrern meist am Limit durch die Straßen gepeitscht werden, Tansportfahrräder, die meist mit Lebensmitteln überladen sind, oder Handkarren, die Matratzen, Getränke oder anderes durch die Gegend fahren. Alle teilen sich die knappen Asphaltbahnen, stehen gemeinsam an der Ampel und umkurven sich gegenseitig. Die Liste von skurrilen Verkehrsteilnehmern könnte sich beliebig fortsetzen.

Zanzibar AbendmarktEin Erlebnis ist auch der Markt. Die Großmetzgerei, in der geschlachtet und verkauft wird, ist ein Paradies für Fliegen und nichts für schwache Näschen. Neben Fleisch wird auch der Rest „frisch“ verkauft. Seien es die Köpfe oder Füße der Ochsen, oder die Häute. Beeindruckend ist auch der benachbarte Fischmarkt, wo des Morgens die riesigen Schwertfische aus Nungwi ankommen, oder gigantische Rochen, mit etwa 3m Spannweite. Dann wird gefeilscht und geboten. Der Obstmarkt bietet allerhand tropische Früchte wie Mango, Ananas, Passionsfrucht, Bananen… einfach köstlich, toll!


Das ganz normale Bild des anders seins endet bei einem Hock. In Deutschland sind solche Veranstaltungen meist temporärer Natur (Weinfeste, Weihnachtsmarkt etc.). Hier in Stone Town wir jeden Abend ein hübscher Abendmarkt aufgebaut auf dem es vornehmlich Fisch und Meeresfrüchte gibt. Quasi ein Fisch-Hock. Touristen können dort günstig zu Abend essen aber auch viele Sansibaris genießen das Flair und den Sonnenuntergang bei Dorade, Hummer, Krabben, Tintenfisch und Sansibarpizza (eher mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen als Pizza). So geht ein ganz normaler Tag auf Sansibar zur Neige.


Einfach ins Bett plumpsen geht auch nicht, denn zuerst muss man sich noch unter dem Mückennetz hindurch winden.

(Simeon Wittenberg berichtet regelmäßig auf seinem Blog unter http://simiberg.blogspot.com)

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 27. März 2009 um 14:39 Uhr
 

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