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Tansanier schreien gerne Drucken

Tansanier schreien gerne. Sie schreien sogar für ihr Leben gern. Nach dem Motto, je lauter desto besser. Dass meine Ohren mittlerweile darunter leiden, scheint sie nicht sonderlich zu interessieren.

Wollen sie sich mit einer Bekannten unterhalten, die sie gerade getroffen haben, dann reden sie, indem die eine ihren Weg geht, die andere dort bleibt, wo man sie getroffen hat. Sie beginnen mit einer für mich schon ungewohnten Lautstärke, als würde dies das Gesagte irgendwie noch betonen. Und es ist klar, je weiter man sich entfernt, desto lauter muss man schreien. Und wenn man allein die Dauer der Begrüßung in Tansania kennt, kann man sich wunderbar vorstellen, wie viel Zeit vergeht, bis zwei Tratschtanten die aktuellen News ausgetauscht haben. Ihr Gespräch endet dann gefühlte fünf Kilometer weiter. Aus irgendeinem Grund scheint es sich nicht zu lohnen, stehenzubleiben.

Sie schreien wie wild, wenn sie sich freuen, jemanden zu treffen. Jugendliche schreien sich an, wenn sie auf der Straße einen Konflikt ausdiskutieren. Marktverkäufer preisen schreiend ihre Waren an, in dem verzweifelten Versuch, ihre Konkurrenten zu übertönen. Und besonders gern wird das Wort “mzungu” geschrien. Damit sind alle Weißen gemeint. Aus Geschäften, Bussen, Autos und kleinen Verkaufsständen dringt es zu einem. Jeder Mensch, der einem entgegenkommt, sagt es, warum auch immer. Als müssten sie uns noch mal klar machen, welche Hautfarbe wir haben. Ob es freundlich, neutral oder negativ gemeint ist, wird nicht immer klar. Aber besonders Kinder schreien dieses Wort gern. Sie wollen damit genau wie viele tansanische Männer meine Aufmerksamkeit erlangen.

Nachts hört man das Geschrei von Betrunkenen, Sonntags morgens schon um 5 Uhr das schrille Trillern der Frauen, die sich auf den Gottesdienst einstimmen. Tagsüber trifft man auf mehrere Hundert angehende Soldaten und Polizisten, die im Gleichschritt und mit Holzgewehr Befehle oder ähnliches schreiend durch die Stadt rennen.

Diese alltäglichen Erfahrungen sind für meine Ohren strapazierend, doch heute habe ich das bisher Krasseste erlebt. Ich bin von einer alten “Mama” von der Arbeit eingeladen worden, doch mal mit ihr in die Kirche zu gehen. Ich habe mich sehr über dieses Angebot gefreut, fand ich die harmonischen Töne eines Frauenchors beim täglichen Üben in der Nähe meiner Wohnung doch immer ganz spannend. Heute wurde ich aber in die winzige Andachtsstätte von ein paar sektenartigen Christen geführt. Wir waren ungefähr 15 Menschen in einer düsteren Lehmhütte. Anfangs dachte ich, ui, wohin hat es mich denn hier verschlagen? Als dann ein Mann begann, schreiend eine Predigt zu halten, ging ich davon aus, man würde hier so einen Gottesdienst beginnen.

Man stelle sich einen Raum von vielleicht 15 km² vor, in dem man quasi eine Stunde lang direkt angeschrien wird. Mal ganz davon abgesehen, dass ich kaum ein Wort verstanden habe, kann das ganz schön anstrengend sein. Irgendwann war das dann vorbei und ich atmete erleichtert auf. Ich war aber nicht auf das vorbereitet, was folgte. Es sei Zeit zu beten, teilte mir ein junges Mädchen auf Englisch mit. Ich habe die Hände gefaltet, in der Erwartung, jemand würde jetzt das Wort ergreifen und für alle beten. Anstatt dessen verteilten sich aber alle im Raum und begannen, ihr eigenes Gebet zu sprechen. Sie redeten sich dermaßen in Rage, dass ich eine halbe Stunde später dachte, ich sei in einer modernen, schrägen Theateraufführung gelandet.

Alle schrien zu Gott, flehten ihn an, rauften sich die Haare, schlugen gegen die Wände und heulten hysterisch. Dabei wurde ab und zu unrhythmisch geklatscht und einer bearbeitete eine Trommel so ungestüm, dass das Fell jeden Moment hätte reißen können. Sie schrien und schrien, fielen auf die Knie und brachten schluchzende “HALLELUJA”s hervor. Und ich saß da und wusste nicht, wie mir geschah. Nach vier Stunden war das Schauspiel dann vorbei. Meine Augen tränten von dem staubigen und düsteren Licht, mein Gesäß tat weh von den Kanten der Holzbank, die sich so langsam in meinen Körper drückten und meine Ohren surrten.

Und dennoch war ich froh, ein solches Schauspiel erlebt zu haben. Schließlich erhält nicht jeder einen Eindruck davon, wie unterschiedlich eine Religion in verschiedenen Ländern und Kulturen praktiziert werden kann.

 

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