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Tansania ist wie eine einzige, große Familie! Im Mittelpunkt des Lebens hier steht die Gemeinschaft und die Kommunikation untereinander. Kein Einkauf wird getätigt, ohne sich nicht vorher beim Verkäufer über sein Wohlergehen, das seiner Familie, seine Neuigkeiten und sein Tagesgeschehen erkundigt zu haben, kein Tag vergeht, ohne dass nicht mindestens ein Nachbar bei uns zuhause auftaucht, um nach dem Rechten zu sehen und zu jeder Zeit hat ein klingelndes Handy oder ein ankommender Gast vorrang über jede Beschäftigung, jede Arbeit, der grade nachgegangen wurde. Es kommt auch durchaus vor, dass man im Dala (Kleinbus, hier gängigstes Fortbewegungsmittel) fremde Kinder auf den Schoß gesetzt bekommt, dass man von wildfremden Leuten auf der Straße nach Hause eingeladen wird oder dass man sich plötzlich inmitten einer Hochzeitsfeier befindet und eine riesige Schüssel Pilau vorgesetzt bekommt, aus der gemeinsam mit den anderen Gästen mit der Hand gegessen wird. Und sogar sprachlich kann man diese Gastfreundschaft wiederfinden. Denn auf Kiswahili heißt dass mgeni nicht nur Fremder oder Ausländer, sondern gleichzeitig auch Gast. Und als Fremde werde ich eigentlich nie behandelt, sondern als Gast, der als Teil der Gemeinschaft akzeptiert wird: Ich steige aus dem Dala aus und die Sonne ist grade eben untergegangen. Ich hetze von meiner Haltestelle in Richtung zuhause. Ein Junge fährt neben mir auf dem Fahrrad und sagt: „Es ist spät, du wirst dich verspäten“ und bietet mir an, mich mitzunehmen. Ich setze mich auf den Gepäckträger, er sagt nicht viel, sondern fährt in windeseile die Strecke ein paar hundert Meter bergauf und setzt mich ab. Ich frage ihn, wo er wohnt und er deutet auf die Richtung, aus der wir kommen. Kurz darauf sehe ich, wie er umdreht und wieder zurück fährt. Einen anderen Tag sitze ich im Dala und der Mitfahrer neben mir kauft durch das Fenster von einem Händler eine Orange. Ohne dass wir vorher Notiz voneinander genommen haben und ohne große Gesten hält er mir selbstverständlicherweise die eine Hälfte hin und isst selber die andere. Das ganze ist so selbstverständlich, dass kein anderer Mitfahrer auch nur hinguckt und ich mich nicht einmal bedanke. Ich habe den Eindruck, hier wird wirklich alles geteilt. Es gibt zum Beispiel unter Kindern kein mein Spielzeug oder dein Spielzeug, besitzt eine Familie ein Fahrrad dann gehört es allen, die darauf fahren können (dazu gehören auch die Nachbarn und Bekannten). Wenn man irgendwo jemanden beim Essen antrifft, egal ob man ihn kennt oder nicht, hört man sofort karibu (sei willkommen) und bekommt etwas angeboten. Aber nicht nur Essen und Gegenstände scheinen hier geteilt zu werden. Zu meiner Verblüffung habe ich schon mehrfach Heiratsanträge von verheirateten Männern bekommen, auch wenn die Frau des Antragstellers direkt daneben stand. Zu hören bekomme ich dann: „Aber ich hätte gerne noch eine (zwei, drei, viele) Frau(en)“. Manchmal habe ich den Eindruck, dass das Teilen den Menschen hier so wichtig ist, dass sogar dann geteilt wird, wenn es in meinen Augen eigentlich unnötig ist. Ich habe z.B. schon beobachtet, dass sich drei Töchter ein Zimmer und auch dasselbe Bett teilen, obwohl es durchaus noch mindestens ein möbiliertes und unbenutztes Zimmer gibt. So angenehm es jedoch sein kann, alles miteinander zu teilen, kommt mir langsam der Eindruck, dass es ziemliche Schwierigkeiten mit sich bringen kann. Ein bisschen habe ich mich schon damit abgefunden, dass ich jeden Tag bemerke, dass mein Duschgel oder mein Handy benutzt und meine Einkäufe aufgegessen wurden. Ich finde es aber äußerst schwierig, dass gelegentlich auch von mir erwartet wird, dass ich mein Geld teile. Mein Gastbruder, der momentan keiner Arbeit nachgeht, beispielsweise, fordert mich häufig dazu auf, seine Dalafahrten oder sein Essen mitzubezahlen. Ich gerate jedes mal in einen Konflikt, denn ich als Mzungu (Weiße) vermittle mit solchen Gaben ja gleichzeitig den Eindruck des reichen, wohlwollenden Geldverteilers. Ein Eindruck, der nicht grade für die eigenmächtige Entwicklung des Landes förderlich ist... Natürlich werde aber nicht nur ich nach Geld gefragt. Ich glaube, dass eigentlich jeder, der eine Arbeit hat, sein Gehalt selbstverständlich mit denjenigen, die keine haben, teilt, wenn er nicht dermaßen unter sozialen Druck geraten möchte. Auch meine Gastfamilie, die keine eigenen Einkünfte hat, verlässt sich ganz auf Zuschüsse von Verwandten, die zum Teil unermütlich für ihr Einkommen arbeiten, welches sie dann völlig selbstverständlich mit allen teilen, die es noch dringender brauchen als sie selbst. Während diese Methode besonders für alte und bedürftige Menschen, die hier keine Unterstützung vom Staat bekommen, überlebenswichtig ist, führt sie jedoch auch dazu, dass am Ende jeder ein bisschen Geld bekommt, aber keiner sich durch harte Arbeit ganz von seiner Armut lösen kann und sein Ehrgeiz wirtschaftlicher Entwicklung dadurch eingedämmt wird. Und so scheint der großartige Gemeinschaftssinn, den ich wahrscheinlich als den Aspekt an dem Leben hier benennen würde, der mir am meisten gefällt, also zu einer allgemeinen Vorstellung beizutragen, Arbeit lohne sich nicht. Und ich frage mich: ist es überhaupt möglich, die Menschen dazu zu motivieren, zu Arbeiten und zur Entwicklung ihres Landes beizutragen, ohne dabei ein Stück von ihrem Gemeinschaftssinn und der Tradition, alles miteinander zu teilen, kaputt zu machen? | | Jetzt spenden! 100% für Projekte! |