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Erde, Feuer, Luft, Wasser und… Äther? Quintessenz? Geist? Nein, alles falsch. Denn dieser Erfahrungsbericht stammt weder aus dem antiken Griechenland (Äther), noch aus dem tiefen Mittelalter (Quintessenz) noch aus dem Gebiet der Esoterik (Geist).

Ich möchte, um das gleich vorwegzunehmen, natürlich nicht implementieren, dass Tansanier noch immer der Vier-Elemente-Lehre Glauben schenken. Vermutlich gibt es nur wenige, die überhaupt davon oder vom alten Thales gehört haben. Dennoch sind eben diese (ehemaligen) Elemente, von denen sich die meisten Menschen in Europa schon lange zugunsten des Periodensystems der chemischen Elemente verabschiedet haben, in Tansania die absoluten Hauptthemen – immer präsent und für jeden, ob er es nun erkennt oder nicht, von wirklich elementarer Wichtigkeit.

Erde

Erde im Sinne von schönem, feuchten Humus ist in Tansania nicht zu finden. Jedenfalls nicht im Alltag der großen Mehrheit, und um deren Umgang und auch Zusammenstoß mit den vier historischen Elementen soll es an dieser Stelle ja gehen. Erde tritt eher in Form von Sand auf. Und Staub. Sand und Staub, die aufgrund der seltenen Niederschläge auch nicht am Boden liegen bleiben, sondern überall auftauchen. Im dritten Stock eines Bürogebäudes ist man davon deshalb genau so betroffen wie auf den Straßen, die zu einem großen Teil auch noch aus Sand bestehen.

Die feine Erde ist eine absolute Gesundheitsbelastung, und das nicht nur für Europäer, die mit Kontaktlinsen durch den stets tosenden Wind spazieren. Tansanische Straßenreiniger tragen deshalb Mundschutz und sind in dicke Tücher eingewickelt, während sie verzweifelt versuchen, die Straßenmarkierungen vom Sand zu befreien.

Überall werden neuerdings Bepflanzungsprojekte durchgeführt, um mehr Erde an den Boden zu binden.

Feuer

Das Feuer ist im tansanischen Alltag so allgegenwärtig, dass in Europa leicht der Eindruck entstehen könnte, alle Tansanier wohnten noch immer in Höhlen. Während das Feuer in Deutschland ja zunehmend in hochtechnologische Hochöfen und Verbrennungskammern zurückgedrängt wird und dem Durchschnittsbürger zumeist nur noch in Kaminen begegnet, wird hier damit jede einzelne Mahlzeit zubereitet. Kohleöfen gibt es in allen Größen, Formen und Ausführungen. Eine ganze Geschäftsbranche beschäftigt sich mit energiesparenden Kohleherden, Kohleherstellung oder Kochtechniken. Außerdem bietet das Feuer oft die einzige Möglichkeit, Trinkwasser herzustellen (doch dazu später mehr).

Luft

Mit der Luft ist das so eine Sache, da sie zu großen Anteilen aus Sand zu bestehen scheint und somit eher unter das Thema Erde fallen würde. Doch auch neben dem täglichen Kampf gegen den Staub ist Luft ein Thema. Gerade durch den - vielen Tansaniern immer bewusster werdenden - Klimawandel wird auch das Thema Luftverschmutzung immer wichtiger. Es regen sich Proteste gegen unendliche Verkehrsstaus (man bewegt sich teilweise, mitten in der Großstadt, für 45 Minuten nicht vom Fleck), Kraftwerke, Fabriken. Und wenn man offiziellen tansanischen Quellen glaubt (was man generell aber eher nicht tun sollte), hat sich die Luftqualität hier in Dar es Salaam auch schon verbessert. Trotzdem hätte jeder europäische Staubfilter schon nach Minuten schätzungsweise ein Kilo an Gewicht zugenommen – wenn denn jemand auf die Idee käme, einen einzusetzen.

Wasser

Ich vermute, zu diesem Thema muss man nicht viel sagen. Wasser ist und bleibt Mangelware. Und wo es welches gibt, ist es entweder gesundheitsschädlich oder in dermaßenen Mengen vorhanden, dass es zur Plage wird. Trinkwasser wird durch Filter geschickt, abgekocht, wieder durch Filter geschickt. Wasser zum Wäsche waschen wird oft aus den Rinnsalen genommen, die Flüsse heißen, und in die jede Fabrik im Umkreis ihr Abwasser leitet.

Trotzdem – ein Paradoxon – gibt es eine erstaunliche Kultur der Wasserverschwendung. Obwohl hier keiner mit Trinkwasser die Toilette spült (was in anderen Erdteilen ja nicht ganz ungewöhnlich ist), zeigt gerade die Oberschicht erstaunliche Tendenzen. Jeden Tag wird das zum Beispiel das Auto gewaschen (siehe auch Luft und Erde). Es kommt auch im sonst recht gemeinschaftsorientierten Tansania vor, dass eine Bevölkerungsschicht die anderen vergißt. Aber immerhin werden deren Mitglieder fürs Autowaschen gut bezahlt (sie übernehmen ja auch die Wasserrechnung).

Jetzt fehlt nur noch das fünfte Element, über das sich auch die Europäer noch nicht ganz geeinigt zu haben scheinen. Hier vor Ort kann es allerdings nur einen Anwärter geben, und das ist das Handy.

Es wird ja gerne gesagt, Tansania sei ein armes Land. Das, so kann man beobachten, scheint zu stimmen. Allerdings hält das niemanden davon ab, sich ein Handy zu kaufen. Jeder, egal, welches Wasser er trinkt und ob seine Atemluft durch eine Klimaanlage kommt oder nicht, hat eins. Ich kenne keine Familie, selbst in den entlegensten Dörfern nicht, wo nicht zumindest der Vater ein Handy hätte.

Dabei kommt es selten darauf an, was für ein Handy es ist. Dementsprechende Hochkonjunktur haben auch chinesische Produkte, die schon in der dritten Generation mangelhaft kopiert wurden. Natürlich wächst auch der Funktionsumfang der Handys mit der Einkommensklasse (die hier übrigens nicht zwangsläufig mit der Gehaltsklasse übereinstimmt, was aber ein ganz anderes Themengebiet wäre), und besonders seit bekannt wurde, dass Barack Obama auf einen Blackberry vertraut, erleben Blickburry, Blockberri (teilweise mit Nukia oder Samson-Software darauf) und andere Plagiate einen Aufschwung.

Das Handy passt zur tansanischen Kultur wie der Deckel auf den Topf, ermöglicht es doch die ständige Erreichbarkeit und die ultimative gesellschaftliche Vernetzung. Es erfährt jedoch eine Wertschätzung, die manchmal geradezu absurd wirkt. Die Lautstärke wird zum Beispiel gleich nach dem Kauf auf maximal eingestellt, damit auch alle mehr oder weniger Umstehenden den Klingelton mithören können. Dazu ein Fallbeispiel, dessen Zeuge ich vor kurzem auf einer Konferenz werden durfte:

Was passiert, wenn mitten in einem hochtechnischen Vortrag mein Handy klingelt? Tut es nicht, denn ich habe es selbstverständlich aus oder auf lautlos gestellt. Sollte das Undenkbare dennoch eintreten, werde ich natürlich schleunigst versuchen, das Ding ruhigzustellen oder mich aus dem Staub zu machen, um den Anrufer gegebenenfalls zu schelten.

Aber nein, weit gefehlt. Bei eben jener Konferenz, mitten in einem Vortrag der wirklich ziemlich anspruchsvoll war, klingelte also das Handy eines etwa sechzigjährigen Geschäftsmannes. Doch statt wenigstens entschuldigend zu lächeln, lehnte sich der Herr ganz gemütlich zurück und starrte auf das Gerät. Und während „My Heart Will Go On“ (eine scheußliche Coverversion) in voller Lautstärke durch den Raum schallte, entspannten sich alle Teilnehmer inklusive des Vortragenden, der mitten im Satz unterbrochen worden war, und lauschten andächtig dem Song. Kaum hat der Anrufer den Versuch aufgegeben, fährt der Vortragende mit seinem Satz fort und alle sind wieder ebenso konzentriert wie zuvor.

Mit diesen Beobachtungen möchte ich diesen kurzen und nicht an allen Stellen ganz wörtlich zu nehmenden Einblick in die tansanische Lebenswelt beenden. Ich hoffe, es ist deutlich(er) geworden, wie elementar die Sorgen und Bedürfnisse Tansanias teilweise noch sind, während eine andere Seite dieses Landes schon vollständig in der technischen Neuzeit angekommen ist.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 08. Februar 2010 um 12:20 Uhr
 

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