weltwärts "Herr Lehrer, müssen wir heute wieder spielen?"
"Herr Lehrer, müssen wir heute wieder spielen?" Drucken

Eine Übung, die ich mir hier immer wieder vornehme ist folgende:


„Ich versuche mir vorzustellen ich sei ein Schüler des „Vocational Training Centre Bwoki“ in der Nähe Bukobas. Ich besuche diese Schule seit einigen Jahren und war vorher auf einer öffentlichen Primary School. Mein Unterrichtsalltag sieht so aus, dass ich leise auf meiner Bank sitze, mit vielen Mitschülern in einem kleinen Raum und mich möglichst unauffällig verhalte. Vorne steht mein Lehrer, spricht und schreibt. Was er an die Tafel bringt sollte ich in Auf_die_Plaetzemein Heft schreiben und es auswendig lernen. Wenn ich dann das Pech habe aufgerufen zu werden, um eine Frage zu beantworten, spreche ich lieber so leise, dass der Lehrer vielleicht meint das Richtige verstanden zu haben. Grobes Fehlverhalten und teilweise auch falsche Antworten werden mit Strafen geahndet, die nicht dem europäischen Idealbild einer Strafe entsprechen. Kommt es zu praktischen Arbeiten, bekomme ich genaue Aufträge, die ich auszuführen habe... Da weiß ich wenigstens woran ich bin.

Vor einiger Zeit sind da zwei Weiße aus Deutschland in unsere Schule gekommen um zu unterrichten, bei denen weiß
ich nicht immer woran ich bin. Ihr Fach hat etwas mit Energie zu tun. Worte, die immer wieder fallen, sind erneuerbar, Energieeinsparung, sauberes Wasser und so weiter. Alles Dinge, die mir bisher in meinem Alltag nicht begegnet sind. Zuhause kochen wir schon immer auf dem Dreisteinfeuer, das funktioniert wunderbar. Mit dem kochen wir auch unser Wasser ab. Aber das Flusswasser ist eigentlich auch so sauber genug...
Aber fast noch merkwürdiger als ihre Themen ist ihr ganzer Unterricht. Andauernd stellen sie uns Fragen und wollen wissen, ob wir sie verstanden haben. Abgesehen davon, dass sie komisches Kiswahili sprechen und mein Kihaya garnicht verstehen, sag ich lieber immer „ja“, nachher gibts Strafen?! Wenn wir dann drangenommen werden, sollen wir immer so laut sprechen, dass nicht nur sie, sondern alle Mitschüler uns verstehen. Ja, und wenn wir etwas Falsches sagen, dann haben sie uns noch nie bestraft, sondern bedanken sich für den Versuch. Da muss ich mich doch ein wenig auf den Arm genommen fühlen...“


Als ich mein Freiwilligenjahr hier in Tansania begann, hatte ich die Vorstellung meinen Unterricht so anschaulich und interessant wie möglich und wenig frontal zu gestalten. Mit kleinen Spielen und Versuchen gedachte ich die Schüler sicher für die neuen Themen auf spielerische Art und Weise begeistern zu können. Doch da kam schnell, sowohl wörtlich ausgesprochen als auch oft genug in den Augen der Schüler die Frage auf: „Herr Lehrer, Materialversuchmuessen wir heute wieder spielen?“. Da habe ich mit der beschriebenen Übung angefangen. Ich musste mir klarmachen, dass den Schülern diese Methoden total fremd und dadurch anfänglich schwer nachzuvollziehen waren.

Heute hat sich das ganze schon etwas mehr eingebürgert. Jeder weiß - unser Unterricht ist anders. Doch ich habe das Gefühl, die Schüler mögen ihn. So ist die Unterrichtsbeteiligung deutlich gestiegen, auch wenn meist das warnende „Herr Lehrer ich möchte es probieren“ den Antworten vorausgeschickt wird. Wir machen auch weiterhin Versuche und Spiele und die Schüler freuen sich, wenn sie in diesen den Sinn erkennen und im Unterricht anweden können. Unser vielleicht lockererer Unterricht, die Anforderung an jeden Einzelnen mitzuarbeiten, die geforderte Eigeninitiative und das Fehlen der bekannten Strafen hat neben der regeren Unterrichtsbeteiligung aber auch zu einem regeren Nachbarschaftsgespräch geführt. Nicht alle Schüler halten die fremde Arbeitsweise zwei Stunden durch. Aber nun weiß ich, wenn ich den Schülern etwas Entspannung und Ruhe geben möchte, dann kann ich das nicht mit einem Spiel, sondern dann schreib ich ihnen etwas an die Tafel, was sie dann in ihr Heft abschreiben sollen!

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 29. April 2010 um 10:52 Uhr
 

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