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Zwischen Luxustourismus und Armut in Matemwe

In Matemwe, einem kleinen Fischerdorf an der Nordostküste Sansibars, gibt es nicht allzu viel und das Leben verläuft relativ ruhig. Allerdings hat dieses Dorf eine kleine Besonderheit, einen unendlich langen weißen Traumstrand mit türkisblauen Wasser. Genau diese Tatsache sorgt dafür, dass der Strandabschnitt gesäumt ist von Hotels, zumeist aus der oberen Preisklasse.

Touristen hängen sich schreiend und oben ohne aus den Fenstern der Shuttlebusse, um vorbeiziehende Schulklassen in ihren weiß blauen Uniformen zu fotografieren. Eben diese Busse fahren direkt durch die Dörfer einer der ärmsten Regionen der Gewürzinsel, denn eine andere Straße zu den Luxusbunkern gibt es nicht.

Besucher unserer Frauengruppe, die sich etwa 30 Minuten zu Fuß vom Strand befindet, gehen in extrem kurzen Hosen und mit tief ausgeschnittenen, schulterfreien Tops an den Wohnhäusern der Locals vorbei bis zum „Kituo cha Jua“ (= Platz der Sonne, der Treffpunkt der Frauengruppe). Genau dieser Kleidungsstil ist in der Kultur nicht angesehen und ist eher respektlos. Man trägt nichts, was eng anliegt, die Knie und Schultern sind immer bedeckt.
Abends laufen Jogger mit hochrotem Kopf in hautenger und knapper Kleidung den Hügel vor den Häusern unserer Gastfamilien im Mtagoni Village hoch. Durch ihren Anblick tragen sie zur Belustigung der zuschauenden Dörfler bei. Es prallen in Matemwe zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander, die für die jeweils andere Seite befremdlich und schwierig nachzuvollziehen ist.

Auf der einen Seite gibt es die Touristen. Sie kommen nur für einen kurzen Zeitraum an den Strand, um ein bisschen Sonne zu genießen und sich zu erholen. Viele andere Möglichkeiten bietet die Region auch nicht, nur Entspannung und baden.
Die Locals wagen sich nur selten an den Strand. Meist nur zu Zeiten der Ebbe, wenn die Touristen sich häufig in die Hotels zurückziehen. Dann kommen die Frauen aus den Dörfern und ernten das Seegras der unzähligen Felder im Indischen Ozean. Sie werden begleitet von ihren Kindern, die in der Zwischenzeit am Ufer plantschen. Sollte man sich zu der Zeit noch am Strand aufhalten, kann es gut sein, dass nackte Kinder auf einen zu kommen und nach Kleidung, Essen, Geld und vielem mehr fragen. Sie lassen einen nicht mehr in Ruhe und beginnen häufig zu erzählen, sie hätten kein Zuhause und würden fast verhungern. Allerdings sind solche Zustände aufgrund des Gemeinschaftsprinzips auf der Insel kaum anzutreffen.
Sobald die Flut kommt, machen sie den Strand wieder frei. Lediglich ein paar Jugendliche bleiben zurück, die die Touristen in ihrer Badebekleidung beäugen und einige andere, die Dienste wie Massagen oder Waren wie Fisch anzubieten haben.
Auf der anderen Seite gibt es die Bewohner der umliegenden Dörfer. Die meisten haben kaum mehr als ein Dach über dem Kopf und ausreichend eintöniges Essen für die Familie, aber sie kommen zurecht. Es gibt keinen Strom und kein fließendes Wasser in den Häusern, aber die meisten kennen es auch nicht anders. Nur wenige sind zugezogen oder kommen regelmäßig in größere Dörfer oder die Stadt.
Leider werden vorallem den Kindern falsche Bilder von den Weißen vermittelt. Wenn man durch das Dorf an den Strand läuft, hört man aus allen Ecken „Money! Money!“ oder auch „Photo for Peni!“. Einige der Touristen verschenken Süßigkeiten, Geld oder sonstiges und bezahlen für Bilder von Kindern am Strand. Genau dieses Verhalten hat dazu beigetragen, dass eine auffällige Bettelkultur entstanden ist.

Gerade wenn man als Freiwillige zwischen diesen zwei Welten lebt ist es schwierig, zumindest am Anfang. Man ist kein Tourist, denn man lebt in den gleichen Verhältnissen wie die Dörfler. Man holt sein Wasser in Eimern und Kanistern an den gleichen Quellen. Man kauft Kerzen und kleine Lämpchen bei den gleichen Händlern. Man lebt mit einer Gastfamilie zusammen, die genauso wenig hat wie alle anderen im Dorf, aber für die Locals ist man immernoch weiß. Man hat immernoch mehr Geld als eine ganze Familie und fühlt sich unwohl, versucht es zu verbergen, gibt kleinere Preise für gekaufte Stoffe oder Ohrringe an, wenn man gefragt wird.
Obwohl man lebt wie alle anderen im Dorf, man ist und bleibt anders, auch wenn das Anderssein nur durch Kleinigkeiten gekennzeichnet ist. Unser Glück hier in Matemwe ist, dass wir mit dorfbekannten Familien leben, direkt mit Frauen aus den Dörfern zusammenarbeiten und jeden Morgen durch das Dorf zur Arbeit laufen. Anfangs wurden wir ständig nach Geschenken und Geld gefragt, aber haben nie etwas an wildfremde abgegeben. Nur unseren Gastfamilien haben wir Geschenke wie z.B. Obst oder süßes Gebäck mitgebracht, wenn wir länger in der Stadt oder auf Reisen waren.
Anscheinend haben wir uns nicht allzu falsch verhalten, denn nach knapp zehn Monaten Aufenthalt in Matemwe werden wir nur noch selten, sowohl in den Dörfern, als auch in den Gastfamilien, nach Süßigkeiten oder sonstigen Dingen gefragt. Die Leute kennen uns. Sie grüßen und lassen sich auf kurze Gespräche ein, vorallem wenn sie mitbekommen, dass man Kiswahili spricht. Selbst wenn man nur wenig kann, freuen sie sich. Leider sieht es am Strand anders aus. Sobald man am Wasser außerhalb der Hotels und Strandbars steht, ist man für alle am Strand Tourist. Selbst wenn man darauf achtet, sich angepasster zu verhalten z.B. indem man sich zum Baden über den Badeanzug oder den Bikini noch eine Hose und ein T-Shirt zieht. Am Strand gibt es keinen Unterschied zwischen den Weißen, die so leben wie alle anderen in den Dörfern und den Weißen, die ihren Urlaub hier verbringen. In der Hoffnung etwas zu bekommen bleibt keine Zeit abzuwägen und zu unterscheiden.

Für beide Seiten ist es schwierig die Lebensweise der anderen zu verstehen, weil sie einfach zu weit voneinander entfernt sind. Theoretisch müssten die Distanz zwischen den Menschen und die Vorurteile abgebaut werden. Die Weißen sind nicht immer Millionäre und Touristen. Die Sansibari sind nicht wohlhabend, aber die Grundsicherung ist gewährleistet, sie sind auf ihre Weise zufrieden und warten nicht auf die Unterstützung aus der weißen Welt.
Vor einiger Zeit habe ich aus einem Dorf in der Nähe gehört, dass es dort möglich ist für die Zeit des Aufenthalts eines Urlaubes in Gastfamilien zu leben. Auf diese Weise werden Familien unterstützt, aber sie geben auch etwas zurück. Gleichzeitig lernen sich beide Kulturen kennen und können auf diese Art versuchen, die bestehenden Barrieren zu durchbrechen. Beide Seiten müssen Abstand nehmen von Verallgemeinerungen und sich stärker mit der anderen Kultur auseinandersetzen. Die falschen Bilder in den Köpfen der Menschen sollten verschwinden, denn anders ist ein gegenseitiges Verständnis kaum möglich.
Die Touristen fliegen nach ihrem Urlaub zwar wieder zurück in ihr Heimatland, aber das Bild das sie hier vermitteln, bleibt in den Köpfen der Sansibari zurück.
 

 

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