weltwärts Tansanier - arm aber glücklich?
Tansanier - arm aber glücklich? Drucken

Mit dieser Frage bin ich vor über 10 Monaten nach Tansania gereist. Minialistisch leben ohne Stress und ohne Leistungsdruck – in einer atemberaubenden Weite, keine Umweltverschmutzung aber dafür die untergehende afrikanische Sonne und hilfsbereiten Menschen. So (etwas übertrieben) habe ich mir Tansania vorgestellt. Ich konnte mir nie so richtig vorstellen, was Tansanier für Probleme haben.

Arm und glücklich sind jedoch zwei subjektive Begriffe, die von jedem anders wahrgenommen werden. Ich versuche hiermit ein paar meiner Erfahrungen und Eindrücke weiterzugeben.

Arm:
Mit 70€/Monat verdient unser Nachbar Nyambulapi als Lehrer in der Erneuerbare Enerien Werkstatt an der Secondary School durchaus durchschnittlich. Davon muss er seine Frau und 3 Kinder ernähren. Deren Schulausbildung wird bis zum Studium vom Staat finanziert. Er hat ein Privatmotorrad und ein geschäftliches, einen Fernseher mit Videoplayer und ein sehr kleines Haus aus Backsteinen mit Wellblechdach. Frage ich ihn, ob Tansanier Geld haben, sagt er: „Das Problem ist, mann kann es nie genau sagen. Zum einen ist es in Tansania üblich sinen Verwandten finanziell stets zu helfen, wenn man kann. Es ist also auch eine Frage, wer mehr gut gestellte Verwandte hat. Sei es ein verbeamteter Bruder oder ein Onkel in Europa. Und dann kommt es immer darauf an, für was man Geld hat. Jeder setzt seine Prioritäten anders. Bin ich reicher als der Rektor, weil ich ein Motorrad habe und er nicht? Oder er, weil er viel reist und eine Satelitenschüssel hat?“
Sie sehen: es ist nicht so einfach, als dass ich jemandem seine finanzielle Lage an den Klamotten ansehen könnte.
Den meisten Tansaniern geht es nicht so schlecht, wie viele durch die Medien glauben. Es gibt durchaus auch viele reiche. In der Hauptstatt DarEsSalaam gibt es shopping malls, edle Hotels und Restaurants. Es gibt Autohändler von BMW und Daimler sowie teure Möbelhäuser oder Outdoorläden. Und es gibt dementsprecend auch reiche Menschen - die damit ihr Geld verdienen beziehungsweise andere die es dort ausgeben. Auch in Mafinga sieht man ab und zu Landrover, zweistöckige Häuser und eine Disco. Es gibt mehrere Supermärkte sowie Motorradhändler und kleine Baumärkte.
Tandentiell ist es so, dass sich die meisten erst die Ausbildung der Kinder leisten, dann ein Handy, ein Radio und einen Fernseher. Nur wenige können sich ein eigenes Auto leisen, es sei denn es wird für gewerbliche Zwecke genutzt.
Ohne Frage, es gibt auch viele Tansanier, die nicht das Glück haben angestellt zu sein und die sich ihr täglich Brot z.B. als Händler an Bushaltestllen verdienen. Diese Menschen haben keine Chance Geld anzulegen. Sie können sich jeden Tag genug Essen für die Familie leisten aber dann ist eventuell auch schon schluss. Hungern muss aber so gut wie keiner. Agrarwirtschaft ist überall vertreten und Grundnahrungsmitte kosten fast nichts.
Es fällt mir schwer zu beschreiben, dass die Menschen zwar viel weniger Geld haben als wir, sie selbst aber damit ganz gut umgehen können. Es ist nicht so, dass sie alles in Bewegung setzen, um etwas an ihrer Situation zu ändern. Sehr sehr viele laufen auch den ganzen Tag rum und reden oder dösen am Straßenrand und tun nichts.
Zum Abschluss noch 2 Gegensätze: Der Chef eines anderen Freiwilligen ist als Fischerjunge aufgewachsen. Er war sehr ergeizig und hatte die Idee mit Siebdruck T-Shirts zu bedrucken – und ist jetzt ein sehr bekannter Mann mit überdurchschnittlichem einkommen und bis heute auch auf anderen Gebieten sehr erfolgreich. Im Kontrast dazu steht unser Freund und Schüler, der nie einen cent in der Tasche hat und uns immer fragen muss, wenn er 1,50€ für die Busfahrt nach Hause leihen muss.

Glücklich:
Glücklicher als Deutsche sind Tansanier ganz sicher nicht. Doch auch nicht unglücklicher. Sie nehmen die Dinge einfach mehr hin. Entsteht ein Loch in der Wand des Hauses, akzeptiert man es anstatt es, wie es (wie die meisten Deutschen) zu reparieren.
Ich möchte im folgenden ein paar Aspekte darlegen, die meine Vermutung, Tansanier seien glücklicher weiederlegen. Ich möchte jedoch auch stark unterstreichen, dass dies nur einige Auszuge meiner persönlichen Erfahrungen sind. Jeder erlebt Tansania anders.
Ganz speziell möchte ich auf Gewalt eingehen. An vielen Schulen in Tansania ist es üblich die Schüler zu schlagen – sei es weil man zu spät kommt oder seine Hausaufgaben falsch gemacht hat. Auch die Eltern schlagen ihre Kinder. Wie z.B. unser Freund Fadhili, der geschlagen wurde, wenn er ins Bett genässt hatte oder die Kinder des Pastors, die von der Mutter geschlagen werden, wenn sie nicht hören. Gewalt ist einfach eine akzeptierte und gängige Strafmaßnahme die dazu dienen soll, dass der Mensch sein Verhalten ändert und um Gerechtigkeit wiederherzustellen. Für uns als Freiwillige ist dies ein schwieriges Thema, bei dem jeder jedes Mal selbst entscheiden muss, wie er damit umgeht. Meist bleibt mir jedoch nur die Methode, mit den Menschen darüber zu reden und zu erzählen, dass es für mich als Deutscher ungewöhnlich ist. Genauso liegt es an mir verstehen zu wollen warum geschlagen wird. Eines der Probleme ist Korruption – bringt man jemanden zur Polizei, muss man damit rechnen, dass er mit Geld oder Beziehungen sofort wieder frei kommt. (beziehungsweise er dort auch geschlagen wird) und er nicht gerecht bestraft wird.
Es gibt (meinem Eindruck nach) relativ viele Diebe in Tansania. Mir selbst wurden schon zwei Handys geklaut. Doch gerade auf Diebe hat es die Bevölkerung auch am meisten abgesehen. Jedes Mal bildet sich auf der Straße schlagartig ein Mob der es auf den Täter ausgerichtet ist. Harte Prügelstrafen sind gängigerweise die Strafe. Eine Erklärung für das aufgebrachte Verhalten könnte sein, dass Tansanier nicht offen über ihre Probleme reden. Es wird nie öffentlich kritisiert. Hat z.B. ein Arbeitskollege oder Freund etwas falsch gemacht oder einen enttäuscht erfährt er die nie direkt. Außerdem haben einige von uns die Erfahrung gemacht, dass wenn sie mit Tansanischen Freuden reden wollten kein Mitgefühl entgegen kam oder sie einfach nicht darüber reden wollten. Dadurch könnte es sein, dass sich einige Erlebnisse anstauen und sie ihren gesammten Frust auf einmal an einem Dieb entladen. Er also als Ventil und Sündenbock für alles dient.
Doch Tansania hat viele Probleme außer Gewalt.
Alkohol und Drogen zum Beispiel. Bei uns auf dem Land wird vor allem lokal gebrautes Bier getrunken. Man schneidet eine spezielle Bambusart an und befestigt eine Schale. Der Saft läuft in die Schale und man kann es nach einem Tag trinken. Es ist braun und schmeckt wiederlich – aber kostet nur 6 Cent das Glas. Ich sehe auch alte Menschen zum Teil schon vormittags bei uns im Dorf betrunken. Auch die Schüler schleichen sich nachts raus um sich vom Alltag abzulenken. Wer es sich leisten kann kauft sich eine Flasche Kanyagi (billiger Whisky) Auf dem muslimischen Sansibar ist Alkohol kein Problem – dafür Marihuana.
Ich möchte mit meinem Artikel keinem Angst machen oder davor abhalten nach Tansania zu fliegen. Ich möchte nur zeigen, dass es auch eine ganze Reihe von Problemen gibt mit denen ich nicht gerechnet hatte und die nicht Armut heißen.
Ich habe sehr viele sehr schöne Momente im vergangenen Jahr erlebt. Ich würde sofort wieder das Weltwärts Jahr wiederholen und kann es jedem nur empfehlen. Doch bitte seid nicht so naiv wie ich und denkt, es gabe auf der einen Seite die unglücklichen Industriemenschen und auf der anderen Seite die glücklichen in einfachen Verhältnissen lebenden Afrikaner. Vielleicht sollten wir die Messlatte für das uns glücklich fühlen etwas nach unten schrauben und zum Beispiel nicht erwarten, dass jeder Tag aufregend und voller Abwechslungen sein muss.
Und auch wenn wir reicher sind und uns mehr leisten können müssen wir kein schlechtes Gewissen haben. Wenn Geld allein Armut bekämpfen würde, wäre Tansania bei all der Entwicklungshilfe, die es bekommt schon längst ein reiches Land. Es liegt auch sehr viel an der Mentalität der Menschen. In allererster Lienie muss sich da etwas tun, um Entwicklung möglich zu machen. Und dazu hilft das Programm der DTP, die uns als junge, unerfahrene Menschen voller Gesprächs und Lernbedarf für ein Jahr nach Tansania schickt.

 

 

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