weltwärts Wenn ein Leben zu Ende geht...
Wenn ein Leben zu Ende geht... Drucken
Geschrieben von: Carlotta Richter   

altIch habe lange darüber nachgedacht, ob ich meine Erlebnisse aus der vorletzten Woche aufschreiben und an diesem Ort teilen möchte, da es eventuell respektlos wirken könnte, über so ein sensibles Thema im Internet zu schreiben. 'Trete ich den Betroffenen auf den Schlips, darüber so öffentlich zu schreiben?'
Ich hab mich schließlich doch entschieden es hier niederzuschreiben, weil es für mich eine riesige und bereichernde, wenn auch traurige Erfahrung war. Und so etwas sollte man teilen...

 

Vor zwei Wochen etwa ist der Vater von einem guten tansanischen Freund, Patrik*, gestorben. An dem Tag wollten wir eigentlich an den Strand fahren, doch nachdem uns die traurige Nachricht erreichte fuhren wir anstatt zum Strand natürlich ins Krankenhaus. Ich war ganz verwirrt, dass die meißten Familienangörigen schon wieder nach Hause abgefahren waren. Zugegeben es war das erste Mal, dass ich einen Todesfall in etwa von Anfang an mit erlebt habe, aber in meinen Vorstellungen dachte ich immer, dass erst einmal alle Angehörigen ins Krankenhaus zum Verstorbenen kommen. Ich weiß nicht, ob ich es vielleicht einfach nur falsch mitbekommen habe - was gut möglich ist, da ich ja nun nicht von morgens früh an anwesend war. Was danach kam war für mich in jedem Fall neu und ich glaube sagen zu können, dass hier eindeutig ein Kulturunterschied zu sehen ist. Ein Unterschied, von dem ich auch anfangs nicht wusste, was ich davon halten sollte.


Asia (meine beste Freundin hier) und ich hatten uns gemeinsam auf den Weg ins Krankenhaus gemacht. Wir trafen am Krankenhaus noch zwei andere Freunde, die bei der Familie von dem verstorbenen Vater zur Untermiete gewohnt haben und die Familie auch vorher schon viel bei der Pflege betreut haben. Patrik, sein Bruder und dann noch die anderen waren schon auf dem Sprung und warteten nur noch auf uns. Ein bisschen ungünstig, aber in diesem Fall zählte die Geste der ehrlichen Anteilnahme wahrscheinlich sehr viel mehr als alles andere. Es ging anschließend gleich zu ihm nach Hause. Ich wusste nicht so richtig, ob ich da hin gehörte... ich als, aus familiensicht gesehen, recht entfernte Freundin des Hauses. Daraufhin fragte ich Patrik, ob es denn überhaupt angebracht wäre und hatte das Gefühl, dass es sehr willkommen ist. So weit so gut. Trotzdem kam es mir komisch vor...

Ich sprach zunächst der Mutter beziehungsweise Frau mein Mitleid aus. In dem Raum, indem sie sich befand, waren noch weitere Familienangehörige oder Freunde, jedoch alles nur Frauen. Ich habe sie nicht gezählt, aber es waren bestimmt in etwa fünfzehn. Sie saßen alle auf dem Boden, da das ganze Möbiliar aufgrund der zu erwartenden hohen Besucherzahl nach draußen geräumt wurde. Die Männer saßen draußen, es waren jedoch zu dem Zeitpunkt noch nicht viele. Natürlich war es - wie immer bei einem Todesfall sehr bedrückend. Und noch sehr viel trauriger war es, als ich den weinenden Menschen und vor allem der zurückgelassenen Frau jeder einzelnd mein Beileid aussprach. Es war ein Ort des Trauerns, das merkte man schon an dem wehleidigen Weinen und Wimmern der Frauen, bevor man  überhaupt das Tor zum Haus betrat.

Patrick war die ganze Zeit stark beschäftigt. Vieles musste, neben der Aufgabe die traurige Nachricht anderen zu überbringen, organisiert werden, sodass er eigentlich überhaupt nicht zur Ruhe kam. Ich dachte mir immer, 'warum kann der Arme sich nicht ein wenig zurückziehen, wenn sein Vater doch heute morgen erst gestorben ist?' Und auch seine Mutter bekam den Tag über verteilt so viel Besuch, dass die auch nicht wirklich Ruhe bekam. 'Brauchten sie diese vielleicht gar nicht? Fühlten sie sich wohler, permanent unter Menschen zu sein?' Ich war bis zum späten Abend dort - und es kam wirklich viel Besuch. Ich saß bei den anderen im Zimmer und hörte immer nur wie Menschen grüppchenweise kamen. Jedes Mal hörte man lautes,starkes (wie auch immer) Weinen, was mir immer wieder einen Stich versetzte. Als ich fragte, meinte Patrik, dass heute noch nicht so viele gekommen wären. Morgen und übermorgen würde es richtig voll werden (ich zählte an dem Tag bestimmt insgesamt schon 50 Leute). So neigte sich der lange Tag irgendwann dem Ende zu. Im Hof war schon seit längerer Zeit ein großes Zelt aufgebaut, welches Schatten spendete - die Sonne brennt hier wirklich stark. In einer ruhigen Minute fragte ich Patrik, ob er sich manchmal nicht lieber zurückziehen wollen würde. Was er antwortete überraschte mich: "Weißt du Carlotta, ich bin ja nicht der einzige der trauert... hab ja nicht das alleinige Recht zum Trauern gebucht." Ich war irgendwie sehr beeindruckt, immerhin ist er der Sohn. Aber lediglich der Mutter kommt eine besondere Rolle zu.

Ich bin die Familie danach täglich abends besuchen gegangen und, tatsächlich(!), es sind noch um einiges mehr Menschen dort gewesen. Die Kinder und einige andere schliefen nachts sogar draußen unter dem Zeltdach, weil drinnen der Besuch schlief. Das widerum freute natürlich die Mücken. Ohne dass es jetzt respektlos klingen sollte, es erinnerte mich jedes mal ein bisschen an ein Sommerfest bei uns zu Hause in Deutschland. Natürlich lief keine Musik - spät abends sang immer ein Chor. Es saßen alle so nett beisammen: viele Bekannte oder Verwandte, Kinder der Familie und ich glaube den Großteil bildeten die Nachbarn. Es war auch nicht anrüchig, wenn jemand lachte oder sich freute. Mir viel auf, dass es dabei auf ganz ungezwungene Weise möglich war, gegenseitig Halt zu geben. Jeder kam mal vorbei und num zu wissen wer schreibtahm Anteil an dem Schicksal der Familie. Das berührte mich irgendwie sehr und mir war klar, sowas gibt es bei uns zu Hause nicht in dem Maße. Aber wahrscheinlich würde es auch gar nicht richtig reinpassen. Man stelle sich vor, ständig (also 24 Stunden) ist deine Wohnung von oben bis unten vollgestopft mit Besuchern.

Bei allem Schönen, so hatte das ganze auch einen großen Haken für die Familie, nämlich die Finanzierung. Eine Beerdigung an sich ist ja schon teuer genug. Hinzu kam noch, dass die Beerdigung erst fünf Tage nach dem Tod stattfinden konnte, was extra Kühlkosten etc. mit sich brachte; verständlicherweise wollte noch auf den einen Sohn aus dem Ausland gewartet werden. Nein, hinzu kamen auch noch die Verpflegungskosten für all die Gäste und Nachbarn, was beileibe nicht wenig ist. Es ist wohl normal, dass die Nachbarschaft noch etwas zur Kasse hinzusteuert, was in diesem Fall leider sehr gering ausfiel. Jeden Abend gab es eine Versammlung, bei dem alle zusammenkamen und über dies und das bezüglich der Finanzierung sprachen.Ich fragte mich, 'warum muss das denn so sein? Wenn man kein Geld hat, das zu finanzieren, dann kommen halt keine Nachbarn oder es gibt halt kein Essen'. Aber so einfach ist es dann wohl doch nicht. Wer verscherzt es sich denn gerne mit der gesamten Nachbarschaft?? Keiner. Naja, und so schnell steckt man im Dilemma und macht große Schulden.
 
Die Beerdigung war sehr schön gemacht, auch wenn ich die ganze Zeit einen fetten Kloß im Hals hatte. Die Kinder, die davor Tag ein, Tag aus immer fröhlich und witzig waren, haben spätestens an diesem Tag gemerkt, was passiert ist. Es schmerzt ganz schön, einen sechs jährigen kleinen Jungen aus so einem Grund bitterlich weinen zu sehen. Genauso wie all die anderen Menschen. Gegen Vormittag wurde der Sarg nach Hause gebracht und ins Wohnzimmer gestellt. Viele, viele Menschen - selbst eine ganze Schulklasse - kamen, um sich von dem Familienvater am offenen Sarg zu verabschieden. Dadurch, dass es zuhause war, hatte es umso mehr etwas sehr Persönliches. Schön... Danach ging es in die Kirche und anschließend zum Grab. Dass es traurig war, brauche ich wahrscheinlich nicht zu erwähnen. Bestimmt hundert Menschen waren um das Grab verteilt. Es gab nicht viel Platz, die Gräber waren eng beieinander, sodass viele auch auf den Gräbern anderer standen bzw. saßen. Klingt sehr befremdlich, aber wo sollte man sonst hin? Rührend war es auch, dass die Söhne mit den Sarg von ihrem Papa getragen haben. Sargträger wie wir sie kennen gab es nicht, aber sie fehlten auch nicht, wenn ihr versteht was ich meine.

So kam es, dass der Vater direkt neben den beiden Gräbern von seinen anderen verstorbenen Söhnen begraben wurde. Und das war das eigentlich Herzzerreißende. So hat eine Mutter nicht nur den Familienvater sondern auch vor einem halben Jahr ihren Mann verloren. Die sieben jährige Mona, schon Vollweise, ist auch noch an dem Grab ihrer Mutter vorbei gegangen. Wie groß die Trauer da war, möchte man sich gar nicht ausmahlen. Das war das, wo mir noch heute die Tränen kommen, wenn ich daran denke. Aber der Tod gehört überall dazu, nur dass er hier - den Grabsteinen nach zu urteilen - sehr häufig viel zu früh kommt.
Danach ging es wieder zurück. Viele sind glaub ich auch wieder zur Familie zurück gefahren; die meisten und ich auch mit einem riesen Kloß im Hals. Ich konnte nicht mehr und hab mich auf den Heimweg gemacht. So ein fast einwöchiger Trauerfall kostet ganz schön viel Kraft. Und wenn ich schon ganz kraftlos war, wie ging es dann Patrik oder all den anderen Familienangehörigen, die in Arbeit versanken???

Eine Freundin sagte auf dem Hinweg zu Beisetzung: "Der Baba kann schon echt stolz auf seine Familie sein." Und das stimmte. Es war sehr schön zu sehen, wie würdevoll dieser Abschied war. Eine schöne und traurige Erfahrung.

 

*) Ich habe den Namen geändert.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 09. März 2011 um 10:00 Uhr
 

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