Wenn man in meiner Heimat, der Ruhrpott-Kleinstadt Castrop-Rauxel, an einem schönen Julitag durch die Straßen läuft, liegt überall der Geruch von Holzkohle in der Luft, man hört die Stimmen von plaudernden Erwachsenen, spielenden Kindern (vielleicht ist irgendwo sogar ein Planschbecken aufgebaut), man hört das Klirren wenn mit Gläsern und Flaschen angestoßen wird und, wenn es Samstag ist, mischen sich die wohlbekannten Stimmen der Liga-Live Fußballkommentatoren aus dem Radio in diese Melange der Sinneseindrücke.
Kommt man, angerührt durch diese Idylle, selbst auf die Idee kommt, mit Freunden oder Familie ein paar Nackensteaks, Bauchfleischscheiben oder Würstchen auf den Grill zu legen, das ein oder andere kühle Pils zu trinken, bis der Alkohol zusammen mit der Hitze des Grills und dem vollen Bauch ein gemütliches Gefühl der Mattheit und Schwere erzeugt, erlebt man allerdings sein blaues Wunder.
Denn wenn man den nächsten Supermarkt, Lebensmitteldiscounter oder den Fleischer um die Ecke betritt, sieht man sich einer unglaublichen Fleischknappheit gegenüber, von der unsere Großeltern dachten, sie zusammen mit Lebensmittelmarken und Ruinenstädten endgültig überwunden zu haben.
Ich stelle mir in diesen Momenten immer vor wie Herr Tönnies, just in dem Moment in dem ich mir mit dreißig anderen Grillbegeisterten einen Wettlauf liefere, um die letzte Packung Nackensteaks in Kräutermarinade zu erhaschen, in seinem Büro in Rheda-Wiedenbrück grinsend auf einem riesigen Haufen Geld sitzt. Währenddessen leeren seine Sekretärinnen immer neue Schubkarren mit Banknoten zu seinen Füßen aus oder hacken mit ihren perfekt manikürten Fingern dringende Bestellungen in die Tastaturen ihrer Dienstcomputer. Dann kramt der Pate der industriellen Fleischverarbeitung in dem Geldhaufen nach seinem Telefon und befiehlt alle Schweine NRWs aufzukaufen und zu Grillfleisch zu verarbeiten um die riesige Nachfrage befriedigen zu können.
So, oder so ähnlich sieht es aus, wenn Deutschland grillt. Wenn in Tansania gegrillt wird, läuft das alles ein klein wenig anders ab und ich hatte die Gelegenheit, das aus nächster Nähe begutachten zu können. Mein ESTP (Einsatzstellenpartner) Till und ich waren nämlich auf einem Grillfest von Studenten der St. Augustine University in Mwanza eingeladen. Es sollte Ziege geben und als wir im Studentenwohnheim ankamen, hatte die schon ihren letzten Atemzug getan und hing kopflos und an den Hinterbeinen an einem Baum, während gleich mehrere junge Männer sich am Abziehen des Fells versuchten. Genauer gesagt war das Geschöpf, das dort tot hing ein junger Ziegenbock, der nun nach und nach mit Hilfe von Messer und Machete auseinandergenommen wurde.
Ein besonderer Genuss für all jene, die nicht gerne warten bis der Grill endlich heiß und das Fleisch durch ist: Die Nieren wurden direkt roh und noch warm verspeist und schmeckten gar nicht mal so schlecht.
Während sich einige also darum kümmerten, den Bock zu zerlegen und auszunehmen, wurde an anderer Stelle eine Gemüsesuppe gekocht. Das besondere dabei war, dass die Speisevorschriften der Rastafari beachtet wurden. Diese sind ebenso kurz wie unkompliziert: Verwende nur Organisches.
Sie bestand also aus hauptsächlich aus Kartoffeln, Möhren, Paprika, Tomaten und vieeel Chili.
Unterdessen waren die anderen mit dem Zerlegen des Bocks fertig und widmeten sich einem ganz besonderen Organ dieses Tieres, das in gegrillter Form gereicht wurde - den Hoden.
Für den durchschnittlichen Mitteleuropäer eine nicht gerade alltägliche Angelegenheit aber auch für die tansanischen Studenten etwas, das nicht ohne ein paar Sprüche über die Bühne gehen konnte. Wie es geschmeckt hat? Ungefähr so, wie ein Ziegenbock riecht, vielleicht nicht ganz so streng.
Ziegenhoden werden also nicht mein neue Leibspeise, eher etwas, womit man in Deutschland an einem Kneipenabend prahlen kann.
Die Suppe, zu der mittlerweile Magen, Leber, Darm etc. hinzugefügt worden waren, war dagegen ein wahres Highlight. Besonders die Stücke des Magens, die in mundgerechter Größe in der Brühe schwammen, überraschten mich sehr. Echt lecker, auch wenn der Gebrauch von Salz untersagt war. Dass trotzdem Gäste ordentlich nachsalzten, sorgte bei Gastgeber und Koch für mittelschwere Verstimmung.
Meine Stimmung wurde allerdings immer besser, nachdem klar wurde, dass die Suppe auch noch für einen ordentlichen Nachschlag reichte
Die gute Stimmung könnte allerdings auch durch andere Faktoren begünstigt gewesen sein, denn als Getränke gab es Cocktails, nach dem geheimen Rezept eines
Studenten gemischt. Dem Geschmack nach handelte es sich bei den geheimen Zutaten aber lediglich um Konyagi, Wodka, Soda, Wasser und Fruchtsaft. Wobei die Mischung deutlich von Konyagi und Wodka dominiert wurde.
Die Stimmung war also gut, man unterhielt sich angeregt, ohne allerdings den Fortgang am Grill aus den Augen zu lassen.
Und dann war es endlich so weit, der Höhepunkt des Abends war erreicht, denn der junge Ziegenbock hatte seinen Weg auf die Tische gefunden. Ein echt puristischer Fleischgenuss.
Auf jedem Tisch stand eine Plastikschüssel mit mundgerechten Stücken marinierten Fleisches, gegessen wurde mit den Händen, Beilagen gab es keine. Wer wollte, konnte, diesmal toleriert, noch nachsalzen. Das war es: Kein Kartoffelsalat, keine Soßenauswahl von Knoblauch- über Zigeunersoße bis hin zu Curryketchup, kein Toastbrot oder Baguette.
Nur Fleisch und Salz.
Leider war der Bock nach kurzer Zeit schon restlos verputzt und es wurde sich wieder Gespräch, Musik und Tanz gewidmet bis der Abend dann später noch in einer Bar bei einem kühlen Bier ausklang. Ein perfekter Abend, so nebenbei bemerkt.
Außer vielleicht für den armen Ziegenbock.
Was soll´s, ich fand ihn lecker.