weltwärts Ruanda, unser vorbildliches Nachbarlaendchen?
Ruanda, unser vorbildliches Nachbarlaendchen? Drucken
Geschrieben von: Raphael Karutz   

Als ich vor drei Wochen am Grenzübergang von Tansania nach Ruanda stand, war ich doch sehr gespannt, was mich hinter dem gut bewachten Schlagbaum erwarten würde. Von so vielen hatte ich inzwischen über dieses kleine Land gehört und es klang immer irgendwie besonders und ganz anders als Tansania. Und tatsächlich: Noch an der Grenze sah ich die ersten Unterschiede, die ich später als ganz typisch bestätigt sehen sollte. Es lag überhaupt kein Müll auf der Straße oder, wie in Tansania so beliebt, im Wassergraben daneben. Außerdem waren die Häuser richtig verputzt und neu gestrichen, manche hatten sogar einen gut gepflegten Vorgarten! Am auffälligsten waren aber die Heerscharen von Arbeitern, die mit einfachen Werkzeugen (Schaufel und Schubkarren) die Straße neu befestigten und dabei auf mich irgendwie sehr emsig wirkten.

War ich hier im gelobten Land Ostafrikas angekommen, quasi der Schweiz des Südens?

Zumindest ist in Ruanda an jeder Ecke deutlich, wie sich etwas tut, das Land „entwickelt“ sich und vor allem seine Infrastruktur. Dabei steht es nicht ohne Hilfe dar, an praktisch jeder großen Baustelle findet man ein Schild mit der Aufschrift: Gemeinschaftsprojekt der Ruandischen Regierung mit der EU, USAid, Belgien (ehem. Kolonialmacht), Deutschland, Frankreich oder auch Luxemburg.

altDa ich anfangs allein unterwegs war, kam ich mit meinen Sitznachbarn im Bus ins Gespräch, die, wie ich überrascht feststellte, bis zu vier Sprachen fließend beherrschten: Neben Kinyarwanda auch Englisch, Französisch und Kiswahili. Als ich sagte, es sei mein erster Besuch in Ruanda, wurden mir sofort die Schönheiten und Vorteile des Landes dargelegt: Nach dem verheerenden Genozid im Jahre 1994, der rund einer Mio Menschen das Leben kostete, sei die Nation richtig zusammengewachsen. Heute gebe es keine Hutus und Tutsis mehr, heute seien alle nur noch Menschen Ruanda's. Ein Völkermord also, der das Land zusammen- und weiterbringt? Klingt für mich erstmal kaum vorstellbar.

Zu verdanken sei diese riesige Leistung vor allem Präsident Paul Kagame, der von Anfang an auf Vergebung, anstatt auf Rache gesetzt habe. Als ich den Einwand wagte, dass Kagame doch mit Demokratie nicht ganz so viel zu tun habe und man munkele, dass er die Opposition ziemlich robust unterdrücke, erklärte mir mein besonders patriotischer Nachbar, dass aber alle hinter dem Präsidenten stehen würden, wie hätte er sonst in der letzten Wahl 93 Prozent der Stimmen erhalten können? Er sorge eben für Sicherheit und Stabilität im Lande und das würden die Menschen ihm hoch anrechnen. Mit der Sicherheit konnte ich nicht widersprechen: als wir uns der Hauptstadt Kigali näherten, wurden wir innerhalb weniger Minuten dreimal von schwer bewaffneten Polizeikontrollen angehalten die teilweise sogar unsere Pässe prüften. Als wir dann im Stadtkern ankamen, erklärte mir mein Sitznachbar stolz, dass im ganzen Stadtzentrum an jeder Straße alle 20 (!) Meter ein Soldat oder Polizist stehen würde. Und tatsächlich, an jeder Ecke sah man uniformierte Männer mit Kalaschnikovs. Außer mir schien das niemanden zu beunruhigen, im Gegenteil, alle gingen einfach an ihnen vorbei als wäre nichts, grüßten höchstens freundlich.

Sie sorgen dafür, dass die Rebellen sich vollständig aus Ruanda zurückgezogen haben (und jetzt den Kongo terrorisieren). Meine Frage, was wäre, wenn nun die Bevölkerung zu „Rebellen“ würde und gegen Kagame auf die Straße gehen würde, ob da die Tausenden Soldaten für ihn nicht auch ganz nützlich wären, behielt ich im Bus mal lieber für mich.

Auch wenn wir nur einige Tage in Ruanda verbracht haben, war es für mich doch eine der besonders spannenden Stationen unserer Ostafrika-Rundreise. Wie nach nur 15 Jahren eine Katastrophe wie der Genozid so gut verarbeitet werden kann und in diese positive Aufbruchstimmung verwandelt werden kann, hat mich sehr beeindruckt. So ganz geheuer war mir die scheinbar so übermächtige Regierung unter Paul Kagame aber trotzdem nicht. Da kann mein patriotischer Busnachbar auch noch so begeistert sagen, dass Ruanda das sicherste Land Ostafrikas geworden sei. Mir hätten ein paar Soldaten weniger völlig gereicht.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 04. September 2011 um 07:05 Uhr
 

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