weltwärts Mwaka Kogwa
Mwaka Kogwa Drucken
Geschrieben von: Nono Weinzierl   

Es ist der 20. Juli im Süden Zanzibars in Makunduchi. Das viertägige persische Neujahrsfest beginnt. Da in Makunduchi die ersten Shirazi-Siedler im 11. Und 12. Jahrhundert siedelten ist die Tradition des Festivals noch immer stark in der Lebensweise Zanzibar’s zweitgrößter Siedlung Makunduchi verankert. Während dem Festival, das heutzutage vielleicht am ehesten als eine Art Karneval bezeichnet werden kann, bei dem scheinbar jegliche Moral und jegliches muslimische Lebensweise über den Haufen geschmissen wird, wird gesoffen und quasi „freie Liebe“ im Gebüsch praktiziert. Doch beginnt das Fest mit einem traditionellen Kampf.

Die Sonne brennt, der Wind schweigt. Mengen von Touristen und Zanzibaris drängen sich um und auf einem brachen Maisfeld. Wir warten das etwas passiert.

Dann endlich: Verschiedene Gruppen von Männern teils gehüllt in dicke Anoraks teils in T-Shirt, teils gekrönt mit abstrakten Vespa-Helmen teils barhäuptig aber alle bewaffnet mit harten grünen Palmwedel-Stielen sowie aus Palmfaser geflochtenen Geiseln, traben singend und johlend um das große Maisfeld. Sie machen sich warm, so scheint es. Oft singt einer an der Spitze vor und die anderen singen nach. Auf irgendwie eigentümliche Weise erinnert das an US-Soldaten beim Frühsport. Oder doch an Hutu-Milizen aus Rwanda? Sicher ist jedoch, dass es hier friedlich zu geht. Noch.

Frauenkompanien in ähnlicher Gruppenstärke wie die Männer, immer zu knapp zwanzigst, mischen sich dazu. In ihren buntschillernden Festtagsgewändern schieben sie sich Dampflokomotiven gleich und ebenfalls laut singend, stampfend und trällernd um das Maisfeld.

Plötzlich ist es soweit worauf etliche Touristen an ihrem DSLR-Kamera Abzug nur gewartet haben. Die Männer gehen auf einander los! Es wird mit Kraft und Wucht auf sich eingeprügelt. Ein Peitschenhieb hier ein Palmwedel-Schlag da. Die Helme verrutschen schnell und die Gesichter sind bald schweißüberströmt. Plötzlich kommt die Menge, eine Mélange aus Kämpfern und Touristen, Peitsche und Photokamera, in Bewegung. Ich der durch den Sucher der Spiegelreflex nichts gesehen habe, komme ins Straucheln, als mich ein fliehender Makunduchianer anrempelt.  Nichts wie weg! Die Front zwischen den zwei Gruppen (das ist hypothetisch; Gruppen sind nämlich nicht zu erkennen) hat sich verschoben als sich die eine Seite plötzlich rund 20 Meter nach hinten abgesetzt hat. Die „Massenpanik“ hat sich schnell wieder beruhigt und schon drängen sich die weißen Touristen mit ihrem Hab und Gut wieder Richtung vorderste Front. Ich ganz vorne dabei.

Die Szenerie bekommt etwas Infernalisches. Roter Staub erhebt sich und lässt die Konturen der Masse am Ende des von Palmen umzingelten Feldes verschwinden. Beschuhte und unbeschuhte Füße schieben sich kräftig durch den erdigen Staub am Boden. Die Frauenkompanien marschieren immer noch. Ihr Getriller vermengt sich mit dem gleichmäßigen Schritt der wirklich den Boden erbeben lässt zu einem extasischem Rhythmus. Die Sonne sticht senkrecht auf das Getümmel. Der Staub juckt in der Nase und der Schweiß brennt in den Augen. Das Adrenalin glüht. So müssen sich Achilles, Ajax, Hektor und Paris und wie sie alle heißen, gefühlt haben als sie sich im Staube Trojas für Ruhm und Ehre bekriegten. Ich, dem die Sonne und die Sinne wohl zu Kopfe steigen,  verliere den Blick fürs wesentliche: Das Rattern der photographierenden Kameras und das Knallen der Palmpeitschen.

Ein Kämpfer prescht an mir vorbei. Er trägt eine Hexenmaske und sieht aus wie der Sheitani (Teufel) höchstselbst. Ich wende mich ab. Doch sofort sehe ich mich einem großen muskulösen Mann mit einer Grizzly-Bärenmaske gegenüber stehen, dessen tiefes Bärengebrumm  ich mir wahrscheinlich nur im Nachhinein eingebildet habe. Er holt aus… Doch das galt wohl nicht mir. Den Schlag bekommt ein eher schmächtigerer Junge, der sein Gesicht mit einer Niqab verschleiert hat, ab. Ich muss an Vermummungsverbot denken.

Die Menge schiebt sich vor und zurück. Trampelt alles nieder was noch grün ist. Wohin man auch sieht kämpfen teils  vereinzelte Zweikämpfer und teils ganze Kompanien gegeneinander. Überall knallt und prasselt es an Schlägen.

Nach einer guten halben oder auch Dreiviertelstunde, mein Zeitgefühl muss mir im Schlachtengetümmel abhanden gekommen sein, geht die Schlacht in ein anderes Ereignis über:

Eine Gruppe von Dorfbewohner hat aus Palmwedeln und Ästen eine kleine Hütte gebaut, um die jetzt mit den Bewegungen eines heulenden Tornados ein Strudel von Frauen tanzt. Ein per Los gewählter  Mann, früher immer der „Bürgermeister“, so erzählt man mir, sitzt nun in der Hütte. Man zündet die Hütte an und der Mann muss so lange wie möglich im Inneren des „Scheiterhaufens“ aushalten. Sehen kann ich ihn jedoch nicht, zu viele Menschen drängen sich um das Haus und werden außerdem von Demo-Polizisten mit Schlagstöcken und  Tränengaswerfern im Anschlag bestimmt aber friedlich zurückgedrängt.

Das Feuer lodert plötzlich wild und unbändig auf und verschlingt gierig ein paar Kubikmeter Luft und roten Staub. Die Frauen kreischen und die kopflose Menge schiebt sich nun von selbst von dem Feuer weg. Das Feuer knattert, der Mann im Inneren entflieht rechtzeitig. Bald darauf erlischt das kurzlebige Feuer und mit ihm erlischt der Spuk wirklich. Es wird wieder ruhig und die Masse schiebt sich, als ob sie sich etwas schämen würde, auseinander. Der Höhlentrip endet abrupt.  Ich bin erschöpft und zufrieden. Die Menge beruhigt sich und Arm in Arm ziehen die Kämpfer Richtung Festplatz, Richtung Bier und Richtung Musik.

Was Achilles wohl dazu sagen würde?

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 29. Juli 2011 um 09:20 Uhr
 

DTP Newsletter

Einkaufen und Spenden

Unterstütze uns mit
jedem Online-Kauf
ohne Extrakosten
mehr erfahren...

Jetzt spenden!

100% für Projekte!