weltwärts Ein Tomatendiebstahl auf Sansibar
Ein Tomatendiebstahl auf Sansibar Drucken
Geschrieben von: Sophia Braumann   

Tomaten

Sansibar, 11.10.2011
Es ist 05:30 Uhr morgens und ich bin gerade dabei, mit meiner Sportgruppe Frühsport zu machen. Unser Trainer macht alle möglichen Übungen vor und meine zehn Sportkameraden und ich versuchen bestmöglich alle Übungen zu imitieren. Fröhlich singend strecken wir abwechselnd Arme und Beine in die Luft und die Stimmung ist sehr heiter.

Plötzlich hören wir Rufe aus dem Viertel nebenan. Wir sehen einen Jungen rennen und schnell ist klar: "Mwizi!" (Dieb!). Unser Trainer setzt dem Dieb nach und meine Trainingskameraden natürlich hinterher. Zögernd setze ich mich schließlich auch in Gang, so bedeutend scheint mir die Sache vorerst nicht. Ich komme gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie mein Trainer den Dieb zu fassen bekommt und ihn am Kragen zurück zur Straße bringt.

Soweit finde ich das in Ordnung. So hätte es in Deutschland auch zugehen können.
Nur wenige Sekunden habe ich Zeit zu denken, die Sache sei jetzt abgeschlossen.
Für die Sansibaris geht der (ich nenne es mal ganz zugespitzt) "Spaß" jetzt erst richtig los. Die Mwizi-Kunde verbreitet sich wahnsinnig schnell und ähnlich schnell kommen extrem viele Menschen (später waren es bestimmt an die 50!) angerannt. Der Dieb, ein jetzt total verschreckter Junge, wird schnell unserem Trainer abgenommen und einer vollkommen aufgehetzten Masse übergeben.
Bis auf die Frauen, die sich damit begnügen zu schimpfen oder dem Zug einfach schaulustig hinterher zu gehen, darf jeder einmal den Mwizi schlagen. Eilig sammeln die Männer deshalb Steine und Holzlatten, um wieder nach vorne zu spurten und den Dieb nochmal persönlich zu bestrafen.
Meine Gruppe macht sich wieder zurück auf den Weg zum Platz und ich kann den Fortgang des Geschehens nicht weiter mitverfolgen. Von Weitem hören wir trotzdem immer noch die aufgeregten Schreie, bis sich der Trubel lange Zeit später irgendwann aufgelöst.
Erst am nächsten Tag habe ich mit den Leuten aus meiner Gruppe etwas mehr über die Sache sprechen können.
Was ich erfuhr, hat mich sehr erschreckt: Der Dieb sei gerade noch so am Leben, aber nur, weil er noch so jung ist. Die Polizei habe ihn, halb totgeschlagen, dann doch noch mitgenommen und so vor der "rechtschaffenden" Meute bewahrt.
Das sei aber eher unnormal, für gewöhnlich werde den Dieben gleich auf den Straßen der Prozess gemacht.
Ich habe daraufhin erzählt, wie man in Deutschland mit geschnappten Dieben umgeht. Am meisten haben sich meine Zuhörer darüber gewundert, dass ich der Meinung war, niemand habe das Recht, den Dieb zu schlagen. Sollte es doch jemand tun, so habe ich hinzugefügt, könnte diese Person ebenfalls gleich von der Polizei mitgenommen werden. Das haben meine Sportskollegen, glaube ich, kaum verstanden. 'Wenn die Polizei hier einen Dieb mitnimmt, dann wird er ja doch früher oder später laufen gelassen!'
Die Polizeivariante ist also, so musste ich erfahren, aus sansibarischer Sicht nicht sehr effektiv. Es wird lieber gleich sichergestellt, dass der Dieb ganz aus dem Verkehr gezogen wird.
(Glücklicherweise hat 'mein' junger Dieb auch dieses glückliche Polizei-Los gezogen)
Auf dem sonst so wundervollem, freundlichen und sogar so touristischen Sansibar werden noch im Jahre 2011 die Mehrheit der Straßendiebe ohne irgendeine staatliche Justiz einfach zu Tode geprügelt.
In meinem beschriebenem Fall handelte es sich übrigens um geklaute Tomaten ...

Gute zwei Wochen später, 27.10.2011

Es ist erstaunlich, was zwei Wochen alles ausmachen können.
Wie unschwer zu erkennen war, hat mich die Mwizi-Geschichte sehr aufgewühlt und mitgenommen. In diesem Zustand habe ich den ersten Artikel geschrieben. Er ist deshalb sehr emotional.

In den zwei Wochen hat mich Folgendes am meisten beschäftigt:
Wie kann es sein, dass die sonst so unglaublich freundlichen Inselbewohner auf einmal ein so ganz anderes Bild abgeben, kaum dass ein Mwizi die Bühne betritt?

Die Sansibari sind mir immer als sehr sehr freundliche Menschen gegenübergetreten. Das harmonische Miteinander wird hier groß geschrieben.
Eine Begrüßung in Tansania besteht zum Beispiel aus mindestens vier Sätzen pro Kopf, gar nicht zu vergleichen mit dem gewohnten "Hey, wie geht's, alles gut? - Ja alles klar und bei dir?" - und fertig.
Man begrüßt Alle und Jeden und danach geht es meistens einfach weiter, ohne irgendwelche anderen Themen angesprochen zu haben.
Auch dass alle ständig am Lächeln sind, wenn sie sich unterhalten, führt dazu, dass die Atmosphäre eigentlich immer heiter ist.
Oft wird in einem Gespräch lautstark gestikuliert und geschimpft, aber dass sich die Konversationspartner dann auch eingeschnappt voneinander trennen, kommt eher selten vor. Meistens wird am Ende doch wieder gelacht.

Zu dem harmonischen Miteinander gehört auch eine sehr ausgeprägte Moral, seinen Mitmenschen zu helfen.
Mir persönlich ist das gerade zu meiner Anfangszeit sehr zugute gekommen. In meinem Viertel sahen für mich alle Ecken und Häuser gleich aus, und den richtigen Dala (Bus) auf dem großen Markt zu finden, war auch ein gefühltes Nadel-im-Heuhaufen suchen.  
Es hat aber nur ein paar müde Sätze benötigt und alle Sorgen waren Schnee von gestern. Die Tansanier nehmen sich nämlich, ganz selbstverständlich, auch die Zeit, einen bis zum Ziel zu bringen. Und alles ohne Gegenleistung.
Das Phänomen, anderen zu helfen findet auch nicht nur Gegenüber Weißen statt.
Es gibt Selbstverständlichkeiten, über die ich als Deutsche nur staunen kann.
Wenn eine Mutter zum Beispiel ins Dala steigt, wird ihr natürlich das Kind abgenommen bis sie einen Platz gefunden hat. Sonst wird es eben in den Händen einer wildfremden Person belassen. Warum auch nicht, man kann einfach jedem das Kind anvertrauen.

Es fühlt sich total gut an dieses harmonische Miteinander so mitzuerleben. Und ich glaube, gerade deshalb war es ein noch größerer Schock, die Gewalt auf einmal so krass mitzuerleben. Wie kann es denn sein, dass die Menschen einerseits solche Lieblinge sind und andererseits in Sekundenschnelle so eine Wut an den Tag legen können?
Zwei ganz entscheidende Dinge, die wahrscheinlich einen sehr großen Teil dazu beitragen:

Zum einen die generelle Armut, die hier vorherrscht. Hier zählt jeder Schilling. Es kommt nicht vor, dass man mal Geld auf der Straße findet, Die Einkäufe für das Essen werden jeden Tag wieder auf den kleinsten Betrag nachgerechnet und diskutiert.
Mir war das zu Beginn ziemlich lästig, wenn ich mit meiner Gastschwester vom Markt wiedergekommen bin und wir jedes erworbene Stück einzeln präsentieren mussten. Gefolgt von einem Vortrag, warum wir denn dafür jetzt 50 Schilling (umgerechnet sind das ca. fünf Euro Cent) mehr bezahlen mussten. Hier zählt jeder Penny niemand kann verschwenderisch konsumieren.
Es gibt auch keine Versicherungen. Man muss nicht nur für sich selbst sorgen können, sondern auch an seine evtl. arbeitsunfähigen Familienmitglieder denken.
Ein paar Tomaten sind deshalb nicht nur "die paar Tomaten" für die wir sie halten würden.
Es gibt hier Leute, die machen am Tag einen Gewinn von 500 Schilling (umgerechnet ca. 25 Cent). Das entspricht schonmal zweieinhalb großen Tomaten ...
Den zweiten Grund habe ich schon in meinem ersten Bericht kurz erwähnt: Das Rechtssystem hier scheint nicht so vertrauenswürdig zu sein wie bei uns in Deutschland.
Man muss nicht lange suchen und man findet im Internet alle möglichen Artikel zum Justizwesen in Tansania. Ich will mich jetzt deshalb mal auf meine eigenen Erlebnisse beschränken.
Man kann beispielsweise Korruption ziemlich oft selbst bezeugen. Gängig ist hier die Bestechung von Polizeikontrollen auf den Straßen. Sie gehört geradezu zum Alltag eines jeden Dala-Fahrers. Der Grund ist einfach: Es ist vorgeschrieben, dass in einem Bus jeder Passagier einen Sitzplatz haben muss. Es gibt aber meistens zu viele Menschen auf zu wenige Busse verteilt zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es finden sich also so gut wie immer irgendwann stehende Tansanier in einem Bus.
Kommt man so in eine Polizeikontrolle (und davon gibt es viele), bekommt der Fahrer ein Knüllchen. Dieses Knüllchen bedeutet nicht nur eine hohe Geldstrafe, sondern kann auch dazu führen, dass dem Fahrer der Bus für eine gewisse Zeit abgenommen wird. Das würde wiederum bedeuten, dass der Fahrer für mehrere Wochen keine Arbeit haben könnte. Keine Arbeit ist kein Geld und zu der Rolle des Geldes habe ich mich schon geäußert.
Die Polizeikontrollen sind da willkommene Alternativen. Gegen eine bestimmte Summe verlieren sie das ausgestellte Knüllchen entweder sofort oder man kommt auf dem Rückweg noch einmal vorbei und fragt, ob das Knüllchen jetzt verloren gehen könnte.
Dieses Verfahren ist so gängig, dass sich keiner mehr darüber beschweren mag.   
Das Beispiel ist nur recht klein und banal. Es reicht aber, denke ich, um deutlich zu machen, dass das Rechtssystem den Menschen hier nicht unbedingt vertrauensvoll und glaubwürdig erscheint.

Vor einer Woche habe ich einen Ausflug auf das Land gemacht und habe dort zufällig ein Gefängnis gesehen. Das Gefängnis glich einer Siedlung mitten in der Pampa. Unser Gastgeber erzählte uns, dass alle Gefangenen in diesem Gefängnis ihre Strafe durch Arbeiten absäßen. Die Arbeiten seien Tätigkeiten auf einem Reisfeld oder ähnliche. Und das Gefängnis sei natürlich in Benutzung.
Auf meine Frage, wer denn alles in dieses Gefängnis käme, meinte unser Gastgeber, alle Kriminellen; von Dieben, die Sachen im Wert von 100 Schilling gestohlen haben, bis hin zu Mördern. Die Gefängnisstrafe ist wie bei uns unterschiedlich lang.
Tiefer konnte und wollte ich nicht buddeln, aber dass es so ein Gefängnis in Benutzung gibt, hat mir irgendwie schon geholfen. Ein kleines bisschen ist es ja doch wie in Europa, zumindest in den Grundzügen.
Was davon äußerer Schein ist und wie weit die Korruption hier geht, lasse ich jetzt mal außen vor. Für mich war es wichtig zu sehen, dass die Menschen etwas von dem Gefängnis halten.

Wer weiß, vielleicht ist ja die Prügelstrafe bis zum Tode auch hier irgendwann mal eine Methode von gestern. Es muss wahrscheinlich viel passieren, aber ich denke, die Mentalität, ist dabei sich zu ändern.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 04. November 2011 um 07:06 Uhr
 

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