weltwärts Zwischenwelt Zanzibar
Zwischenwelt Zanzibar Drucken
Geschrieben von: Mina Saidze   

altDer Archipel Sansibar vor der ostafrikanischen Küste ist ein Knotenpunkt der Kontraste: Zwischen Orient, Ostafrika und Europa, westlicher Lebensweise und muslimischer Tradition, reichen Hotelbesitzern und armen Überlebenskünstlern, rostigen Kohleöfen und nagelneuen Handys.

Angekommen auf der Insel, die mein neues Zuhause ist, fand ich mich in einem kosmopolitischen Wirrwarr wieder.
Morgens frühstücke ich in einer der zahlreichen Straßenbuden. Dort unterhalte ich mich mit einigen Massais aus der Umgebung von Arusha, die vor wenigen Jahren hierher gezogen sind. An ihrem Ort gab es keine Arbeit und so beschlossen sie nach Sansibar zu gehen, um ihren handgefertigten Schmuck an Touristen zu verkaufen.
Mittags begrüße ich eine Gruppe amerikanischer Studenten, die ihr Auslandssemester an der Zanzibar State University verbringen und Kiswahili lernen. Die meiste Zeit bleiben sie unter sich und was das Kiswahili betrifft, bewegen sie sich mehr auf theoretischem Terrain als in der Praxis angewandte Sprache.
Wenig später sehe ich Reena, eine indische Freundin, an mir vorbeiflitzen. Ich habe sie kaum wiedererkannt: In Stonetown arbeitet sie tagsüber in einer Boutique, wo sie meist in Top und Hotpants zu sehen ist. Kurz vor Ladenschluss schlüpft sie in ihr Buibui, trägt das Kopftuch und verlässt das touristische Stonetown, um sich in die elterliche Obhut in Chukwani zu begeben.

Nicht nur die Einwohner auf Sansibar haben sich gewandelt, auch aus historischer Sicht hat die Insel in den vergangenen Jahrhunderten viel mitgemacht. Von der Gewürzinsel zur Sklaveninsel, von der Kolonie zum Urlaubsparadies. Seit 1964 ist Sansibar ein halbautonomer Staat Tansanias. Doch bedeutet die Vereinigung nicht, dass eine nationale Einheit mit homogener Bevölkerung vorliegt. Jeder Ort - ob Sansibar oder Dar es Salaam, ob Insel oder Festland - unterscheidet sich voneinander, weswegen Heimatstätte, Religion, Dialekt und Stamm das Selbstverständnis vom Tansanier prägen.
Ein Beispiel ist die Sprache: Auf der Insel ist der Gebrauch von arabischen Wörtern wie „Shukran“ (=Danke) oder „Inshallah!“ (=Gott sei mit dir!) gängig. Würde man hingegen die Kirchengemeinde in Mafinga mit einem „Salamaleikum“ begrüßen, sind komische Blicke garantiert.

Der Großteil der Bevölkerung lebt auf der Hauptinsel Unguja, wo es auch immer mehr Menschen aus dem Ausland herzieht. Zwar ist das Zusammenleben mit Fremden ein Teil der sansibarischen Identität, jedoch können sich immer noch viele nicht an den freizügigen Kleidungsstil der Touristen gewöhnen. Einheimische Frauen hüllen sich in dem schwarzen Buibui (=bodenloses Gewand) und Männer tragen zum Freitagsgebet Kanzu und Kofia, während Touristen in Bikinis und Shorts an den Stränden spazieren gehen.

Den typischen Einheimischen gibt es aus ethnischen Gesichtspunkten nicht. „Sansibari“ ist derjenige, der auf dieser Insel aufgewachsen ist, und meist hat dieser arabische, indische und Swahili-Wurzeln. Ein Rundgang durch den Stadtteil Stonetown zeigt: Die große, in hellen Farben gehaltene Moschee, der ausgeschmückte Hindu-Tempel mit vielen Gottheiten und die römisch-katholische Kirche im Stil der Renaissance. Alle Gotteshäuser stehen nicht weit voneinander entfernt und spiegeln das friedliche Zusammenleben der Religionen wieder.

Diskussionsbedarf herrscht unter den Sansibaris über die westliche Lebensweise und Homosexualität. Einige meiner Freunde bemängeln, dass man das Geschäft mit der schwulen Musiklegende Freddie Mercury für Touristen gegenüber dem tief verwurzelten,muslimischen Glauben vorziehe. Zu den wichtigsten Personen auf der Insel zählt der Fotograf und Geschäftsmann Javed Jafferji. Er ist Pakistaner und besitzt unter anderem ein Luxushotel ohne Alkohol und Swimmingpool, da es seiner muslimischen Lebensweise widerspreche. Trotz allem zieht er den Zorn einiger Menschen auf sich, darunter konservative Kleriker, da er als Betreiber der Zanzibar Gallery die Freddie Mercury-Tour anbietet und damit einen Schwulen zum Aushängeschild Sansibars macht.

Weiterer Kontrast ist die technische Entwicklung. In meinem Viertel Magagoni kochen wir mit dem Kohleofen und tragen Wassereimer nach Hause. Die Dreckwäsche wird mit der Hand gewaschen, was einen ganzen Nachmittag und schrumpelige Hände kostet. Gleichzeitig besitzt in meiner Nachbarschaft jeder ein Handy, die neuesten Songs von Justin Bieber und Rihanna werden auf volle Lautstärke mit dem CD-Player gehört und inzwischen fragen mich ein paar Jugendliche, wie sie mich bei Facebook finden können. Der Gebrauch von modernen Kommunikationsmitteln und die Haushaltsführung mit mittelalterlichen Geräten gehören hier zum Alltag.

An der Ostküste reihen sich Luxushotels, Beach Ressorts und Wellness Spas. Die Investoren kommen aus Amerika, Europa und Nordafrika. Die Zeit des Kolonialismus ist vergangen, aber in der jetzigen Globalisierung macht sich das ungleiche Machtverhältnis durch die Verteilung ökonomischer Ressourcen bemerkbar.
Früher wurde das Land enteignet und Einheimische zu Sklaven erklärt. Heutzutage wird das Land erkauft und Einheimische im Niedriglohnsektor beschäftigt. Der Unterschied zum Kolonialismus ist, dass sich alles im rechtlichen Rahmen befindet, jedoch Macht durch Geld statt Besatzung legitimiert wird. Aus wirtschaftsethischen Gründen ist das Vorgehen der Investoren höchst fragwürdig. Es handelt sich um das Land der Tansanier, jedoch profitieren Fremde von der Schönheit der Natur und der Strände, vom Schatz an Erdöl und Gold. Zu erwähnen ist aber auch, dass Arbeitsplätze geschaffen werden.

Ob Kultur, Gesellschaft, Religion und Entwicklung: Meine Impressionen Sansibars waren anfangs aufgrund der Spannbreite eine Reizüberflutung. Es hat mich einiges an Überwindung gekostet, die Verhältnisse hier zu akzeptieren. Dazu zählt die Kluft zwischen Arm und Reich, sittenhaft Gekleidete und halbnackte Touristen, Riesenwagen und kleinen Dalla dallas (=öffentlicher Bus), Gourmet-Restaurants und lokalen Chipsbuden.

Nach einigen Monaten habe ich realisiert, dass genau das „Zwischen zwei Welten“ diesen Ort prägt und ausmacht. Das hat aber nichts daran geändert, dass sich eine Wut über die ungleiche Verteilung von Geld, Macht und Einfluss in mir breit machte und nach meinem Verständnis Ungerechtigkeit ist. Dieser innere Konflikt hat an meinem Weltretter-Idealismus genagt, der mich vor meinem Freiwilligendienst begleitet hat. Hier musste ich feststellen, dass ich als Einzelner nichts umkrempeln kann. Im Gegenteil: Ich bin Teil eines komplexen Zahnradwerkes, in welchem wir Rädchen uns gemeinsam in eine Richtung bewegen müssen, um etwas zu ändern. Es hat lange gedauert, bis diese Einsicht kam.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 15. Dezember 2011 um 14:27 Uhr
 

DTP Aktuell! Newsletter

captcha

Bewirb dich!

weltwärts für Lehrämtler_innen 2012/13
Bewerbungsgespräche am 14. April 2012
per E-Mail

Jetzt spenden!

Deine Spende geht zu 100% in unsere Projekte.